Die private Altersvorsorge ist zwar seit ein paar Jahren das Thema der Banken und Versicherer schlechthin. Doch Produktinnovation zählt nicht unbedingt zu den Stärken der Finanzbranche. "Schnöde Versicherungsmathematik und wenig Kreativität dominieren den Markt", sagt Christian Mosel, Vorstand der Commerzbank-Tochter Pensor Pensionsfonds AG, selbstkritisch. Aber das liegt nicht nur an den Anbietern: Eine Vielzahl von Vorschriften hemmt die Begeisterung für neue Ideen.

Trotzdem gibt es sie: Ein Beispiel ist das Arbeitszeit- oder auch Zeit-Wert-Konto. In der Grundvariante wird es zur individuellen Ausgestaltung der Arbeitszeit genutzt. Das reicht vom kurzzeitigen Ausgleich der Wochen-, Monats- oder Jahresarbeitszeit bis hin zur Freistellung über einen längeren Zeitraum. Das Zeit-Wert-Konto wandelt die angesparten Überstunden in Geld um. Der Clou ist es nun, dieses Konto mit der betrieblichen Altersvorsorge zu verknüpfen. Daran arbeitet Angelika Roitzheim, Leiterin der Abteilung BAV-Consulting bei der DekaBank, mit Hochdruck. Noch sei das eher ein Thema der Großindustrie. Und selbst von den großen Unternehmen verfügen erst wenige über ein solches Konto für ihre Mitarbeiter. Das Ziel aber ist es, die vielen Unternehmen des Mittelstandes für das neue Instrument zu begeistern. "Was Arbeitszeitkonten angeht, ist es wichtig, einen Standard zu entwickeln, um vor allem den Mittelstand dafür zu gewinnen und für ihn die damit verbundene Administration zu übernehmen," sagt Roitzheim.

Grundsätzlich obliegt die Ausgestaltung der Grundvariante von Zeit-Wert-Konten ohne Altersvorsorge dem Arbeitgeber. Er gibt in der Regel vor, wofür die angesparten Zeit- oder Finanzmittel verwendet werden. Wünschenswert wäre allerdings, dass der Arbeitnehmer mehr mitreden könnte. Zurzeit wird das vom Arbeitgeber vorgegebene "Ansparziel" mit dem Arbeitnehmer schriftlich vereinbart. Der Arbeitnehmer hat nun die Möglichkeit, aus Zeitguthaben oder aus finanziellen Mitteln ein Konto anzusparen und es sich zu einem späteren Zeitpunkt wieder "auszahlen" zu lassen, sei es in Form von Freizeit, einem früheren Renteneintritt oder Geld. Erfolgt der Aufbau des Kontos aus finanziellen Mitteln, zahlt der Arbeitnehmer aus seinem Bruttolohn und damit steuer- und sozialabgabefrei in das vorher vereinbarte Konto ein.

Wird das Wertguthaben aus Überstunden in die Altersvorsorge eingebracht, kann der Arbeitnehmer bequem und kostengünstig für seine Rente sparen. Denn es dürfte allemal leichter fallen, den Lohn für Überstunden auf die hohe Kante zu legen, als die Mittel aus dem laufenden Nettoeinkommen abzuknapsen. Individuell können hier Bruttobeträge zum Aufbau einer kapitalgedeckten Altersvorsorge genutzt werden. Obwohl das Modell Arbeitszeitkonto gekoppelt mit betrieblicher Altersvorsorge überzeugt, sind die Bemühungen in dieser Richtung eher zögerlich. "Arbeitszeitkonten sind ein spannender, aber ein überschaubarer Markt", sagt Angelika Roitzheim untertreibend.

Spannend, aber überschaubar – so verhält es sich auch mit einem anderen Produkt: Verrentung der eigenen Immobilie. In Amerika als reverse mortgage bekannt, gilt es in hiesigen Geldhäusern als schwer umsetzbar. Nur wenige Institute bieten denn auch entsprechende Produktlösungen an. In den USA übergibt ein Rentner, der eine Immobilie besitzt, der Bank direkt die Schlüssel zu seinem Eigenheim. Die selbst bewohnte Immobilie wird dann vom 65. Lebensjahr an bis zum Lebensende in Form eines Verzehrplanes liquide gemacht.

Der Senior zahlt keine Miete, kann aber bis zu seinem Tod oder dem Umzug in ein Pflegeheim in seiner Wohnung leben. Die Immobilie wird also nicht vererbt, sondern zur Altersvorsorge des Eigentümers genutzt. Das geht wie folgt: Der Senior schließt mit der Bank einen Vertrag ab, den man sich wie einen Kreditvertrag vorstellen muss. Anstatt allerdings Eigentum schuldenfrei zu machen, wird hier schuldenfreies Eigentum wieder beliehen. Die Bank taxiert das Eigentum und legt damit die maximale Kreditsumme fest, die wegen des Zinseszinseffektes umso größer ausfällt, je später der Rentner die Mittel abruft. Den Kredit, auf den man sich geeinigt hat, kann er dann entweder als Einmalzahlung, in Raten oder in Form eines Dispokredits abrufen. Zinsen muss er nicht bezahlen. Denn sie werden auf dem "Schuldnerkonto" kapitalisiert, also jeweils bei der Beanspruchung mitberechnet. Getilgt wird der Kredit durch die Übertragung der Wohnung.

Dieses eat your brick- Modell gibt es so in Deutschland nur in Ansätzen. Ein entscheidender Unterschied zum US-Modell ist, dass dort das Risiko für die Banken durch eine staatliche Ausfallbürgschaft abgefedert wird. Sollte der vorher taxierte Verkaufserlös nicht erzielt werden, füllt der Staat die entsprechende Lücke. "Hierzulande wird der Staat angesichts leerer Kassen dazu wenig Neigung verspüren", meint Reinhard Schlenke, Abteilungsleiter bei der Allianz Dresdner Bauspar AG. Hinzu kommt, dass es sich bei dem Produkt faktisch um ein "Geschäft mit dem Tod" handelt, denn der Erwerber der Immobilie wartet eigentlich auf den Tod des Kunden, um das Geschäft für sich möglichst zu einem rentablen Abschluss zu bringen. Damit wiederum ist die Versicherungsaufsicht involviert, und es folgen viele aufsichtsrechtliche Fragestellungen, die noch geklärt werden müssen.

All das war mit ausschlaggebend dafür, dass die Allianz Dresdner Bauspar AG die Idee "Heim und Rente", die erstmals im Jahr 2000 zur Sprache gebracht wurde, wieder ad acta legte – und das, obwohl diese Idee damals auf eine große Resonanz stieß. "Sofort hatten wir Tausende von Adressen von Interessenten", sagt Schlenke. Er ist überzeugt davon, dass dieses Produkt "innovativ, zeitgemäß und durchaus erfolgreich" wäre. Nachfrage für dieses Produkt sieht auch Josef Zipf vom Immobilienvertrieb der HypoVereinsbank. "Einer Studie zufolge sind in Westdeutschland 60 Prozent der 60- bis 64-jährigen Wohnungseigentümer." Bei PlanetHome, dem Immobilienportal der HVB Group, macht sein Arbeitgeber ein Angebot, allerdings nur als Mittler zwischen Rentner und potenziellem Investor.