Zwei Sätze in einem kurzen Kommuniqué, zwei Selbstverständlichkeiten eigentlich, und doch bebten die Devisenmärkte. Der Dollar verlor binnen Minuten gegenüber dem Yen und dem Euro einige Prozentpunkte an Wert.

Die Botschaft des jüngsten G7-Treffens in Dubai ist unumstritten: Der Dollar muss weiter abwerten. Aber wie und wohin? Hier gibt die Erklärung der sieben mächtigsten Wirtschaftsnationen, der G7, scheinbar eine klare Marschrichtung vor. Gefordert werden "eine größere Flexibilität der Wechselkurse", um eine reibungslose Anpassung des internationalen Finanzsystems zu fördern, und dass "die Wechselkurse die wirtschaftlichen Fundamentaldaten widerspiegeln sollen". Diese Sätze könnten aus jedem Standardlehrbuch zur monetären Außenwirtschaftstheorie abgeschrieben sein. Doch die Aufregung an den Märkten im Anschluss an diese trivialen Sätze zeigt: Irgendetwas ist faul, an der Theorie und am Wechselkurssystem.

In der Theorie gleichen freie Wechselkurse die Ungleichgewichte zwischen Volkswirtschaften aus. Sie entwickeln sich gemäß den Fundamentaldaten wie etwa Inflations- oder Wachstumsraten. Die Währung einer stark expandierenden, sich womöglich überhitzenden Wirtschaft gewönne demnach kräftig an Wert. Das verteuerte die Exporte dieses Landes, was wiederum die Expansion bremsen, die Wirtschaft abkühlen würde. Problem gelöst.

Doch die Wirklichkeit sieht anders aus: Flexible Wechselkurse entwickeln sich erratisch. Nachdem 1973 das einst in Bretton Woods etablierte System fester Wechselkurse zusammenbrach, greifen die Notenbanken immer wieder in den Markt ein, um die Kurse wenigstens halbwegs in die richtige Richtung zu schubsen und dadurch Ungleichgewichte abzubauen oder gar nicht erst entstehen zu lassen. Aus dem gleichen Grund versuchen Regierungschefs ihre Währungen stark oder schwach zu reden – die Gipfel-Erklärungen der vergangenen dreißig Jahre zeugen davon.

Freie Wechselkurse haben die in sie gesetzten Hoffnungen nie erfüllt. Die unter Wissenschaftlern wohl am häufigsten zitierte Studie zur Erklärung von Wechselkursschwankungen stammt von den beiden amerikanischen Ökonomen Richard Meese und Kenneth Rogoff, zuletzt Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds. Sie hatten 1983 alle gängigen Wechselkursmodelle einem Test unterzogen. Das Ergebnis war ernüchternd. Weder Inflations- und Zinsdifferenzen, noch Wachstumsunterschiede oder Ungleichgewichte in den Handelsbilanzen konnten Wechselkursänderungen besser erklären als ein einfacher Zufallsmechanismus, der Random Walk. Dem Spaziergang eines Betrunkenen gleich, lässt der Random Walk die Kurse unvorhersehbar steigen und fallen. Bis heute ist es der Wissenschaft nicht gelungen, mittels noch so ausgefeilter Modelle und Verfahren dem Betrunkenen die Testsiegerplakette ernsthaft streitig zu machen.

Das ist kein Wunder. Denn Währungen werden von den Investoren als eigene Anlagekategorie betrachtet und enthalten wie alle Wertpapiere mit einer unsicheren Wertentwicklung ein spekulatives Element. Das Beispiel des berühmten Schönheitstests sagt daher mehr über die Kursbildung aus als alle volkswirtschaftlichen Modelle. Wie bei einem Preisausschreiben, bei dem es gilt, das Bild zu bestimmen, das von der Mehrheit der Leser einer Zeitschrift als das Schönste auserkoren wird, versuchen die Händler auf den Finanzmärkten nicht herauszufinden welcher Kurs der "richtige" ist, sondern von welchem Kurs alle anderen erwarten, dass er von der Mehrheit erwartet wird. Es werden also Erwartungen über Erwartungen gebildet. Das führt zu einer Eigendynamik, die allen liquiden Finanzmärkten innewohnt. Schlimmer noch: Während Anleihen sich nicht endlos von der tatsächlich gemessenen Inflation frei machen können und Aktienkurse sich irgendwann an die tatsächlich erwirtschafteten Gewinne anpassen, fehlt den Wechselkursen über lange Zeiträume jeder Bezug zur Realwirtschaft. Es sind immer erst die Weltwirtschaftsgipfel, die diesen Bezug wiederherstellen müssen. Deshalb auch die Aufregung um den Dollar nach dem Gipfel in Dubai.

Die jüngere Währungsgeschichte ist voll von solchen Beispielen. 1985 etwa beschlossen die G5 im berühmten New Yorker Plaza-Hotel, dass der Dollar viel zu hoch bewertet sei. Tags drauf intervenierten die großen Zentralbanken massiv, um den Dollar zu schwächen. Das Signal wurde an den Märkten verstanden. Doch getreu dem Händler-Motto "The trend is your friend" – "Alles, was zählt, ist der Trend" –, ging die Abwertung des Dollar weit über das fundamental gerechtfertigte Niveau hinaus. Binnen wenigen Monaten verlor der Dollar gegenüber D-Mark und Yen fast die Hälfte seines Werts. Deshalb gab es nur 18 Monate später eine erneute Mahnung an die Devisenmärkte. Im Pariser Stadtschloss Louvre bezeichneten die Finanzminister und Notenbankchefs eine weitere Schwächung des Dollar als unerwünscht und versuchten einen Boden einzuziehen, was gelang.

Das Motto der Devisenhändler: "Der Trend ist dein Freund"