An dem Bericht erstaunt weniger der empirische Befund als die Ungläubigkeit "aufgewühlter" Juristen, wenn sie mit ihm konfrontiert werden. Der Selbstbezug des nahezu geschlossenen Strafjustizsystems erschwert die Einsicht, dass Gerechtigkeit von ihm nicht ausgeübt, sondern (so ist zu hoffen) eingeübt wird. Nicht nur wahrnehmungspsychologische Gesetzmäßigkeiten, sondern auch Systemmerkmale sorgen dafür, dass sie als Ziel ebendieses stets bleiben wird.

Ein gutes Beispiel ist der unterschiedliche Output des Strafverfahrens je nachdem, ob der Angeklagte einen Wahl- oder Pflichtverteidiger hatte. Nicht unwichtig scheint auf der Seite der Anklage zu sein, ob diese von dem Staatsanwalt vertreten wird, der den Fall bearbeitet hatte, oder von einem routinemäßig eingeteilten Staatsanwalt, der den Fall oft erst am Tag vor der Hauptverhandlung durch Aktenstudium kennen lernt. Ersterer ist mit den Details der Ermittlungen vertraut und legt sich vermutlich für eine Verurteilung sehr viel mehr ins Zeug als Letzterer, der "fremde" Fälle vertritt. Wenn jetzt in einer Gerichtsverhandlung auf der Anklageseite der Sachbearbeiter als "Sitzungsvertreter" und auf der Angeklagtenseite ein Pflichtverteidiger auftreten, dann dürfte das Strafmaß sehr viel härter ausfallen, als wenn, umgekehrt, die Anklage irgendein eingeteilter Staatsanwalt vertritt, dem ein Wahlverteidiger gegenübersteht.

Ebendies habe ich vor etlichen Jahren durch eine Aktenuntersuchung herausgefunden, in der es auch um die Frage gegangen war, ob das angeklagte (versuchte oder vollendete) Tötungsdelikt seine scharfe Definition unter den genannten Konstellationen im Strafurteil behielt oder einer milderen Definition Platz machte. Tatsächlich wurden in der Kombination Nichtsachbearbeiter/Wahlverteidiger um 20 Prozent mehr angeklagte Tötungsfälle umdefiniert als in der Kombination Sachbearbeiter/Pflichtverteidiger. Es war dann nur folgerichtig, dass sich diese Überkreuzungen auch auf das richterliche Strafmaß auswirkten.

Prof. Klaus Sessar Universität Hamburg