Stockholm, Kopenhagen

Die Dänen und Schweden haben ihre Krisen der neunziger Jahre bewältigt. Sie haben das identitätsbildende Zentrum ihrer Gesellschaft – den Sozialstaat – reformiert, und wenn sie auch nicht ohne Sorgen sind, so stehen sie im weltweiten Vergleich doch sehr gut da. Abbau von Schulden, stabiler Haushalt, geringe Arbeitslosigkeit, höchste Beschäftigungsquoten von Frauen, gute Noten in internationalen Bildungsvergleichen, Spitzenplätze auf der Gerechtigkeitsskala: Wie haben sie das gemacht?

Gründe für den Erfolg gibt es viele, unterschiedliche und gemeinsame. Die einen beneiden Dänemark um den schwachen Kündigungsschutz, die anderen die Schweden um die umfassende Kinderbetreuung. Geholfen hat jedenfalls da wie dort die Bereitschaft zum Konsens. Sie ist in kleineren Ländern ohnehin stärker ausgebildet als in großen Flächenstaaten, in ganz Skandinavien aber eine traditionelle politische Tugend. Der Heidelberger Politikwissenschaftler Wolfgang Merkel, ein Experte für Systemvergleiche, hebt vor allem die Rolle der Gewerkschaften in Schweden und Dänemark hervor und definiert den kleinen Unterschied: "Sie haben Reformen nicht behindert, sondern mitgestaltet." Anders als die deutschen Gewerkschaften hätten sie denn auch keine Mitgliederprobleme. Im Gegenteil. Nirgendwo in der Welt der demokratischen Industriestaaten sind die Gewerkschaften so stark wie in Skandinavien. Gegen sie kann nicht regiert werden. Sie haben diese Rolle – und die Verantwortung – akzeptiert. Für manche deutschen Gewerkschafter wäre das eine Studienreise wert.

Scheck schicken und weggucken?

Der Chef der schwedischen Metallkollegen Göran Johnsson würde sie gewiss gerne empfangen. Er könnte ihnen berichten, wie die schwedischen Arbeitnehmerorganisationen (LO) und die sozialdemokratische Regierung in den neunziger Jahren die öffentlichen Finanzen in einer gemeinsamen Anstrengung – und in Absprache mit den Arbeitgebern – saniert haben. "Das hat uns viel gekostet", erinnert er sich. Die Basis murrte, die Partei schimpfte, und die exkommunistischen Linkspopulisten warben im Wahlkampf 1998 mit der Parole "Zeit für Gerechtigkeit". Aber gab es eine Alternative? "Wir mussten da durch, um die Grundlagen für Wachstum zu schaffen. Ohne Wachstum gibt es keine Wohlfahrt."

Johnsson ist eben ein Konsens-Metaller. Ist er deshalb ohne Rückgrat? Im eigenen Laden werde er auch kritisiert, sagt er. Aber er erreiche mehr für seine Leute, wenn er nicht nur für deren kurzfristige Interessen kämpfe. Gleichwohl: "In einer kapitalistischen Ordnung muss man auch bereit sein zu streiken, wenn es nötig ist. Aber bevor man streikt, überlegt man besser genau, was man will – und was man erreichen kann." Im Gespräch mit diesem Arbeiterführer bekommt der Besucher eine Ahnung davon, wie Schweden zum Modell wurde.

Dänen und Schweden sind diese Modellrolle inzwischen gewohnt. Sie sind auch ein wenig stolz darauf. Wenn vom "europäischen Sozialstaat" die Rede ist, dann kann aus ihrer Sicht eigentlich nur das skandinavische Modell gemeint sein. Die kontinentalen Wohlfahrtsstaaten sind anders. Schwerfälliger, bürokratischer, irgendwie auch autoritärer, obwohl man darüber streiten könnte. Der finnische Sozialökonom Juhana Vartiainen jedenfalls hält den skandinavischen Sozialstaat für ein authentisches Produkt dieser demokratischen Kultur am Rande Europas, entstanden am Ende des 19. Jahrhunderts. Dort, in der Welt der vielfältigen volkstümlichen Bewegungen – von der Arbeiterbewegung über Sportvereine und die weit verbreiteten Abstinenzvereinigungen bis zu den Freikirchen und christlichen Sekten – habe das "skandinavische Modell" seine Basis. Die Bewegungen "schufen eine Kultur, in der es für Einzelne selbstverständlich war, sich in Organisationen einzubringen". Der nordische Sozialstaat wurde also, anders als der Bismarcksche auf dem Kontinent, nicht von oben eingesetzt, um die Arbeiterbewegung ruhig zu stellen. Er wuchs von unten: sozial, demokratisch.

Diesen Sozialstaat, den sie im Wesentlichen über vergleichsweise hohe Steuern finanzieren, haben Dänen und Schweden immer wieder reformiert, mal zaghaft, mal radikaler. Nicht an alles wagen sie sich heran, es gibt Tabus, in Schweden etwa die Lebensarbeitszeit, in Dänemark das System der Frühpension (efterlön). Die Reformer haben für ihre Eingriffe, besonders für Leistungskürzungen oder strengere Zugangsbedingungen zu staatlichen Leistungen, stets einen Preis bezahlt. Die Reformlinke verlor in allen Wahlen seit den späten neunziger Jahre erheblich an Stimmen. In Schweden, dem Mutterland der Sozialdemokratie, stürzte sie unter Göran Persson nach der gelungenen Rosskur für die öffentlichen Finanzen in der Wahl 1998 sogar auf ein historisches Tief. Aber gerade dort hielt die etablierte Linke sich als Einzige dank der Tradition von Minderheitskabinetten an der Macht.