Glogów (Glogau)

Er war schon über 70 Jahre alt. Vieles hatte er überstanden. Vor allem die Zerstörung der Stadt, die im Zweiten Weltkrieg zu 95 Prozent in Schutt und Asche versank. Die neuen Bürger, vertrieben aus dem Osten Polens, die sich in den Trümmern einrichten mussten, nannten ihn weiter den "Ebert". An den sollte er für immer erinnern, nachdem ihn die Glogauer Sozialdemokraten 1926 aufgestellt hatten. Doch schon 1933 rissen ihm die Nazis die Buchstaben "Ebert – Erster Reichspräsident" herunter. Sie machten ihren eigenen Vers drauf. Den wieder entfernten die Polen nach der Vertreibung der Deutschen bei Kriegsende. Seither stand er nur noch nutzlos herum, 55 Jahre lang, der Stein.

Jetzt ist er wieder wer – einer wie keiner. Der erste Gedenkstein in Polen, auf dem die Vertreibung in deutscher Sprache beim Namen genannt wird. Gemeinsam haben ihn die neuen G¬ogówer und die alten Glogauer, die ihren Heimatbund in Hannover pflegen, mit zwei Bronzetafeln versehen. Links steht in Polnisch, rechts in Deutsch: "Den deutschen und polnischen Opfern von Krieg, Gewalt und Vertreibung."

Zur feierlichen Umwidmung im Mai 2000 kamen fast 400 G¬ogówer und drei Busse mit Glogauern. Der damals 42-jährige Stadtpräsident Zbigniew Rybka sagte: "Wir dürfen nicht vergessen, dass es Konzentrationslager gab und gemordet wurde. Aber man muss auch wissen, dass über den Tod vieler Menschen in Gefängnissen nur ihre Angehörigkeit zur polnischen oder deutschen Nation oder ihr Name auf der entsprechenden "Volksliste" entschieden hat und nicht ihre persönliche Schuld… Wenn wir die Inschrift auf diese Weise verstehen, dann sind wir schon einen Schritt weiter."

In Wirklichkeit hatten die G¬ogówer und Glogauer schon viele Schritte bis zu diesem Tag getan. Als er aber heranrückte, war denn doch etwas Angst vor der eigenen Courage aufgekommen. Die höheren politischen Instanzen hielten sich bedeckt. Gegen mögliche niedere Instinkte aus der Bevölkerung ließen die Stadtväter einen privaten Wachdienst anrücken. Der observierte den steinernen Reichspräsidenten a. D. in den Tagen und Nächten vor der Umwidmung.

Alle Sorge war überflüssig. Bis heute hat niemand das Denkmal mit antideutschen Parolen beschmiert. Auf den Parkbänken am frisch angelegten Rondell sitzen alte Männer und junge Frauen mit ihren Kinderwagen. Das lichter werdende Laub gibt jetzt wieder letzte Zeugen der einst deutschen Stadt frei: das alte Jesuitenkolleg, das klobige Gerichtsgebäude, die Ruine der Nikolauskirche, den Rathausturm, für dessen Rekonstruktion der Glogauer Heimatbund finanzielle Hilfen organisierte.

Als die schlesische Stadt mit ihren heute 75000 Einwohnern das Ebert-Denkmal umwidmete, hatte die CDU-Abgeordnete und Vertriebenenpräsidentin Erika Steinbach die Stiftung "Zentrum gegen Vertreibungen" noch nicht gegründet. Es wäre gut gewesen, wenn sie sich in den Jahren zuvor einmal in der Oder-Stadt umgesehen hätte. Denn G¬ogów bietet den besten Anschauungsunterricht dafür, dass gerade die "Orte der Vertreibung … Orte der Neuverknüpfung, vielleicht auch der Stiftung von Kontinuität über Grenzen und Brüche hinweg sein könnten" (so schrieb es Karl Schlögel in der ZEIT Nr. 31/03). Wohingegen die Pläne für ein Zentrum gegen Vertreibungen in Berlin die östlichen Nachbarn misstrauisch befürchten lassen, dass damit deutsche Schuld relativiert werden soll.

In G¬ogów läuft ein Lehrstück, wie man es besser machen kann und sollte – und dieses Stück bleibt weiter auf dem Programm. Um die Akteure zu verstehen, muss man wissen, dass sich die Stadt, die immer nahe der uralten Heerstraße zum stets umkämpften Oder-Übergang gelegen hat, seit je auskennt in bitteren Zeiten. Aus ihr stammt und in ihr starb mitten während einer Sitzung der Glogauer Landstände der große Leidensmann, der Krieg und Vertreibung schon vor 375 Jahren ins Zentrum der deutschen Barockdichtung setzte: Andreas Gryphius. Seine Trawrklage des verwüsteten Deutschlands, später in Thränen des Vaterlandes umbenannt, verfasste der Lyriker und Syndikus 1636, mitten im Dreißigjährigen Krieg. Das Sonett, das mit den Zeilen beginnt "Wir sind doch nunmehr gantz / ja mehr denn gantz verheeret!" und das den Expressionismus längst vorwegnahm, wurde den Deutschen gerade nach 1945 wieder zum apokalyptischen Zeitgedicht.