Wie er durchs Land wirbelte! Immer fesch und munter. Im Rennauto, im Motorboot, im Privatjet seiner Gönner. Wie schaffte er das nur? Lag es an den Energy-Drinks, die er sich unentwegt reinschüttete? An der Prägung durch seinen einstigen Ziehvater Jörg Haider?

Neulich, bei einem seiner Show-Auftritte, da legte Karl-Heinz Grasser wieder einmal sein Tommy-Hilfiger-Sakko ab, krempelte die Ärmel hoch und animierte das Publikum wie einer der neumodischen Event-Prediger. Er schien nur eine Sorge zu haben: "Gibt es hier kein Funkmikrofon?" Wie sollte er denn ohne Funkmikrofon ins Auditorium hüpfen!

Nein, so ein Schmalhans, der sich in Filialleiteranzüge zwängt, um das Volk zu mehr Sparsamkeit zu erziehen, das wollte Karl-Heinz Grasser nie sein. Im Gegensatz zu seinem deutschen Amtskollegen Hans Eichel wollte er sich nicht als biederer Buchhalter der Nation, sondern als Motivationstrainer inszenieren. Haushaltsdisziplin kann auch lustvoll vermarktet werden: Sparen ist geil! Zum Beispiel sein Anzug, den er sich von einer Modefirma sponsern ließ. "Mehr privat, weniger Staat!", rief Grasser den Erben des sozialdemokratischen Patriarchen Bruno Kreisky zu. Und, oh Wunder: Sie applaudierten, lang und anhaltend.

Jetzt erst merken sie, dass dieser Tausendsassa im Lärm des Beifalls nicht nur ihren gemütlichen Sozialstaat, sondern auch den Rechtsstaat beschädigt hat. Haiders Ziehsohn, im vergangenen Wahlkampf übergelaufen zur Österreichischen Volkspartei (ÖVP) des Bundeskanzlers Wolfgang Schüssel, wird entzaubert. Das Land scheint dem Spross eines Autohändlers nicht einmal mehr einen Gebrauchtwagen abkaufen zu wollen.

Die Geschichte des schönen Finanzministers ist ein Lehrstück über die Abgründe, die sich hinter politischer Selbstinszenierung verbergen können. Sie handelt vom Aufstieg und Fall eines New-Economy-Predigers, der es mithilfe seiner Berater wie kaum ein anderer verstand, Sparen als nationale Kraftanstrengung zu vermarkten, und dabei von den wahren Motiven seiner Reformen ablenkte. Sein Zauberwort hieß "Nulldefizit", das verstand jeder. Er rief "Runter mit den Steuern!" – und erhöhte die Steuerquote dennoch wie keiner zuvor. Unter dem Beifall der kleinen Leute verteilte er von unten nach oben – und wurde einer der beliebtesten Politiker des Landes. Er war der Star bei Beachvolleyball-Turnieren, erkletterte den Stephansdom wie einen Alpengipfel.

"Er verkörperte das Gegenbild zum bürokratischen Apparatschik", sagt der Wiener Meinungsforscher Christoph Hofinger. Schwiegermütter und Börsenyuppis, grüne Urbanisten, schwarze Bauern und sogar die rote Basis: Sie alle ließen sich einlullen von Grassers Werbeleuten, die sich plötzlich selber an die Schaltzentralen des Kabinetts setzten – anstelle finanzpolitischer Strategen. Doch sie wirkten dort nicht, um den Wohlfahrtsstaat zu bewahren. Sie führten schwarze Listen über jene, die im Ministerium mit der Gewerkschaft streikten. Ihr Wunsch: alles in private Hände, weg mit dem Wohlfahrtsstaat. Auf der noblen Kärntnerstraße hatte der Minister im Blitzlichtgewitter eine elektronische Uhr anschrauben lassen. Da zählte plötzlich das Volk, das von den Benefizen des Staates jahrzehntelang profitierte, den Countdown zum "Nulldefizit". Auf den Titelblättern durfte Grasser mit gezücktem Revolver als James Bond posieren. Geschossen wurde auf den verhassten "sozialistischen Schuldenstaat", der "uns allen jeden Tag elf Millionen Euro neue Schulden bringt".

Dass er das ehrgeizige Ziel nur mit Budgettricks, Verhökern von Familiensilber und der höchsten Steuerquote in der Geschichte des Landes erreichte, das fiel nur ein paar Miesepetern auf. Die Kleinunternehmer, die er bei Roadshows in Opernhäusern und Casinos mit Cocktails auf Staatskosten verwöhnte, vernahmen nur die frohe Botschaft: Der Staat ist ein Unternehmen, und ich bin euer Manager. So liebte ihn das Volk, so wählte es ihn und seinen neuen Paten Schüssel im Herbst mit über 40 Prozent noch einmal an die Macht. Als Grasser sein Amt antrat, zählte er gerade einmal 31 Lenze. Mit flotten Sprüchen gegen Jörg Haider sicherte er sich die Gunst der Medien. Auf seiner Homepage bezeichnet er sich als "erfolgreichen Industriemanager", weil er ein paar Monate beim austrokanadischen Milliardär Frank Stronach in der Presseabteilung gearbeitet hatte. Dass er in Wahrheit von Haider entdeckt und in der so genannten "Buberlpartie", einer rabiaten Seilschaft des Kärntner Rechtspopulisten, groß geworden ist, das verschwieg er ebenso wie den Umstand, dass er über Haiders braune Ausfälle hinwegsah, ja selber bei SS-Veteranentreffen mitmachte. Heute trägt die wandelnde Ich-Aktie keine Parteiabzeichen, wohl aber eine Nadel mit den eigenen Initialen: KHG.

Der Kurs der KHG-AG stieg schwindelerregend. Jetzt ist die Blase geplatzt – aber der Minister ignoriert es. In den Zeitungen will er nicht mehr blättern, "weil sie für mich nicht so erfreulich sind". Noch immer ist er auf allen Titelblättern, doch jetzt wird sein Name auf "Prasser" gereimt. Herbert Haupt, der Chef der Freiheitlichen (FPÖ), klagt im Fernsehen, dass "sein neoliberaler Wirtschaftskurs gescheitert ist". Der ÖVP-Abgeordnete Vinzenz Liechtenstein glaubt gar, dass er "das Großkapital verschreckt". Bei den Wählern konstatieren Meinungsforscher "katastrophale Einbrüche". Nur einer gibt noch Rückendeckung: ÖVP-Chef Schüssel. Der Kanzler, der schon zweimal das Bündnis mit Haider einging, will mit Grasser den Staat umbauen. Die Vorwürfe gegen seinen Minister, sagt er, die seien nur "eine aufgeblasene Mücke". Ganz schön lästig, dieses Biest.