Eigentlich sollte sich das 1993 gegründete Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung in Dresden ja der Erforschung der zwei totalitären Diktaturen in Deutschland widmen. Doch irgendwie kriegen es dort tätige Wissenschaftler einfach nicht hin, von ihrem liebsten Steckenpferd zu lassen – dem Kampf gegen eine angeblich herrschende Political Correctness in der demokratischen Öffentlichkeit.

Vor vier Jahren glaubte ein wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts, dem Hitler-Attentäter Georg Elser die fehlende moralische Berechtigung zum Tyrannenmord nachweisen zu müssen. Als sich der damalige Institutsdirektor von dem verschrobenen moralphilosophischen Traktat distanzierte, klagte ihn eine interne Gegenfraktion der Unterdrückung geistiger Freiheit in der Forschung an. Es folgte ein erbitterter, ideologisch aufgeladener Grabenkrieg, der mit der Entlassung des SPD-nahen Institutsdirektors endete. Die Streiter wider den Zeitgeist hatten die Rückendeckung der CDU-geführten sächsischen Landesregierung gefunden.

Im vergangenen Sommer nun nahm das Institut einen Anlauf, die selbstzerstörerischen Querelen der Vergangenheit vergessen zu machen. Der Kirchenhistoriker Gerhard Besier, der mit einer Untersuchung über die Verstrickung der Kirchen unter dem SED-Regime Beachtung gefunden hat, sollte als neuer Direktor das Institut aus der akademischen Verödung herausführen – und es vor allem nie wieder in schlagzeilenträchtige Verbindung mit obskuren Ideen geraten lassen. Doch kaum im Amt, muss sich wohl auch Besier das Dresdner Nonkonformisten-Virus eingefangen haben. Auf der Suche nach einem großen politischen Fettnapf war er bei einem beinahe schon vergessenen Phänomen fündig geworden: der Scientology Church, der man nachsagt, mithilfe perfider Psychotechniken den demokratischen Rechtsstaat unterwandern und dereinst sogar die Weltherrschaft antreten zu wollen.

Doch nicht etwa, weil er an ihr in nuce die Funktionsweise einer totalitären Struktur studieren könnte, wurde der Totalitarismusforscher auf die ambitionierte Sekte aufmerksam. Vielmehr glaubte er, sie im Namen der Religionsfreiheit gegen Gleichschaltungstendenzen des Staats in Schutz nehmen zu müssen. Und so pries er die Scientologen in einer Ansprache anlässlich der prunkvollen Eröffnung ihrer Europa-Zentrale in Brüssel im September als edle Verfechter religiöser Toleranz und Vielfalt.

Auf das Wohlwollen der christdemokratischen Regierung in Dresden konnte der Tabubrecher diesmal nicht hoffen. Hatte er doch schon im August in einem Zeitungsartikel namentlich Bayern wegen seines Übereifers bei der staatlichen Scientologen-Bekämpfung angegriffen. Zudem sind es an vorderster Front die christlichen Kirchen, die der selbst ernannten Gegenreligion das Handwerk legen wollen. Vor die schockierte CDU-Fraktion im sächsischen Landtag zitiert, war es mit Besiers Bekennermut dann auch schon vorbei. Er spielte sein Engagement herunter und versprach, sich künftig den Aufgaben zuzuwenden, für die er eingestellt worden war. Von einer geplanten Buchpublikation zum Thema will er jetzt Abstand nehmen. Zähneknirschend gab ihm Kultusminister Mathias Rößler, ein Mitbegründer des Hannah-Arendt-Instituts, daraufhin eine "zweite Chance", ließ allerdings durchblicken, dass er selbst nicht mehr daran glauben kann: Der ehemalige Hoffnungsträger Besier soll jetzt nämlich unter die verschärfte Aufsicht des wissenschaftlichen Instituts-Beirats gestellt werden.

Der Aufbruch des angeschlagenen Instituts in eine bessere wissenschaftliche Zukunft endete somit in einer skurrilen Politposse. Dass eine so einzigartige und mit einer für das Geschichtsbewusstsein der deutschen Demokratie derartig wichtigen Aufgabe betraute Einrichtung von überfordeten Akteuren zugrunde gerichtet wurde, ist aber eigentlich nicht komisch. Es grenzt an eine nationale Schande. Richard Herzinger