Mit ihrem pazifischen Sandstrand und gut gepflegten deutschen Kolonialbauten am Fuß des heiligen Berges Laoshan ist Qingdao eine der schönsten Städte Chinas.

Doch wer im silbergrauen Dodge-Van des erfolgreichsten Managers der Volksrepublik die Stadt erobert, vergisst schnell, wo er ist: Die Reise führt in eine neue, unbeschriebene Industriewelt – in das Reich des Zhang Ruimin.

Hier trägt alles den Namen Haier. Er ziert jedes Haus und jede Fabrik. Aus dem Namen des deutschen Lizenzgebers Liebherr wurde durch fantasievolle chinesische Aussprache "Haier". Nun heißt selbst die Autobahn Haier-Road. Jede Straßenlaterne verzieren die fünf Buchstaben, alle Menschen, die hier arbeiten, tragen sie auf der Brust. Als würden die Chinesen keine Schriftzeichen mehr lesen. Als könnte man beim Besuch der glänzend geputzten Industrieanlagen mit ihren Qualitätszirkeln und Just-in-time-Anlagen überall im wohlhabenden Ausland sein, nur nicht in China.

"Die Stärken der anderen sind unsere Muster", sagt Zhang Ruimin – 54 Jahre, breiter Körperbau, gerader Blick –, während sein Dodge durch Straßen rollt, die sich nun Tokyo-Street, Paris-Street und Berlin-Street nennen. Rechts und links nagelneue Fabriken, so weit das Auge reicht. Haier ist der nach Stückzahl größte Kühlschrankhersteller der Welt. Bei Waschmaschinen ist Haier die Nummer drei. Oder nicht? "Haier ist das Meer", steht – endlich wieder in Schriftzeichen – auf einer Plakatwand, die haushoch eine Ozeanwelle abbildet. So will der Konzern die Welt mit seinen weißen Waren überspülen. Oder nicht? "Haier ist ein blankes Papier, aus dem ein schönes Bild entstehen soll", entgegnet Zhang in der Rolle des bemüht höflichen Gastgebers. Da befinden wir uns schon im Fahrstuhl eines schmalen, 50 Meter hohen Turms, dessen Spitze eine Art Raumschiff zu tragen scheint.

Die niedliche Fahrstuhlführerin im abgewetzten hellblauen Kaschmirpullover verdient umgerechnet 110 Euro im Monat. Sie führt ihren Chef, der einen musterlosen dunkelblauen Baumwollpullover trägt, auf eine cockpitähnliche Aussichtsplattform. Stolz deutet Zhang über die Fabriklandschaft bis hin zum Containerhafen am Pazifik, dann schwenkt sein Blick landeinwärts über die grüne Halbinsel Qingdao (qing: grün, dao: Insel). Dort liegt das alte, vertraute China: beeindruckende Natur, aber noch beeindruckender sind die vielen Menschen. Über einige Kilometer hinweg heben sich ihre Gestalten von den Feldern ab. Abertausende Bauern bereiten an diesem Tag in mühseliger Handarbeit die Ernte vor. Jeder einzelne von ihnen wäre froh, stattdessen in der Fabrik zu arbeiten. Auch für noch weniger als 100 Euro im Monat. Das ist Haiers größter Vorteil – ein Stundenlohn ab 40 Cent.

Wie früher über Mao Tse-tung, ließ die kommunistische Propaganda kürzlich einen Film über Zhang drehen – zu Recht: Wie Mao China einst aus der politischen, so führt der Haier-Chef sein Land heute aus der wirtschaftlichen Abhängigkeit. Nirgendwo ist es in der Volksrepublik bisher gelungen, aus eigener Kraft in so großem Stil für den Weltmarkt zu produzieren wie unter Zhangs Führung. Das amerikanische Wirtschaftsmagazin Fortune setzt den Haier-Chef an die 19. Stelle der einflussreichsten Manager der Welt. Kein Mitglied der Kommunistischen Partei Chinas, und erst Recht kein Mitglied des Zentralkomitees der KP, zu dem Zhang im vergangenen November aufstieg, fand als Manager im Westen bislang vergleichbare Anerkennung. Das lohnt ihm auch das Publikum daheim: 18000 chinesische Studenten, die im Frühjahr gefragt wurden, für welche Firma sie am liebsten arbeiten würden, wählten Haier noch vor IBM und Microsoft zu ihrer Traumfabrik.

Zhangs Erfolg beruht auf Leistung: Mit einem Umsatz von 8,7 Milliarden Dollar bei Gewinnen von über 280 Millionen Dollar im Jahr 2002 ist Haier heute der weltweit fünftgrößte Hersteller von Haushaltsgeräten hinter Unternehmen wie dem Marktführer Whirlpool oder Siemens Hausgeräte. Daran auffällig ist vor allem der Drang ins Auslandsgeschäft. Von 30000 Angestellten arbeiten inzwischen 5000 in 13 ausländischen Werken. Im Jahr 2002 umfasste der Auslandsumsatz mit etwa einer Milliarde Dollar 12 Prozent des Gesamtumsatzes – was eine Steigerung um 40 Prozent im Vergleich zum Vorjahr bedeutete. Auch in den ersten vier Monaten des laufenden Jahres legten die Verkäufe in 160 Ländern ohne China um 51 Prozent im Vergleich zum gleichen Zeitraum 2002 zu. Dabei verkauft Haier alle Produkte unter eigenem Namen. "China kann nicht ewig von billiger Verarbeitung leben. China braucht seine eigenen großen Marken", erklärt Zhang in einem kleinen Empfangszimmer auf dem Fabrikgelände in Qingdao. Lange Reden liebt er nicht: "Wir wollen Haier zu einem multinationalen Unternehmen ausbauen und die Nummer drei auf dem Weltmarkt werden." An dieser Stelle steht derzeit noch Siemens.

Wie Zhang nun grünen Tee schlürft, mit der kleinen Firmennadel an der Brust, wo man früher das kommunistische Parteiabzeichen trug, kann man sich den Haier-Chef weder im westlichen Dreiteiler noch in japanischer Firmenuniform vorstellen. Eher noch im Mao-Anzug. In seinem Beruf aber verkörpert er damit etwas Neues: Volksrepublik pur, einen Managertyp aus chinesischem Holz geschnitzt, wie man ihm im globalen Jet-Set bisher nicht begegnete.