In fremden Betten

Als der New Yorker Geschäftsmann James Frankel vor 30 Jahren seine weiße, mediterrane Villa auf einem Kalkkliff mit Blick auf den längsten Strand von St. Martin baute, dachte er nicht allein an einen Rückzugsort für seine Frau und seine drei Töchter, sondern er wollte auch seinen Exgattinnen, Freunden sowie ein paar ausgesuchten zahlenden Gästen ein legeres Urlaubsziel bieten – "Camping for the Rich" nannte er sein damals nur mit elementarem Service ausgestattetes Refugium. Inzwischen ist La Samanna – benannt nach Frankels Tochter Samantha – auf 81 Zimmer und Suiten angewachsen.

In dieses diskrete Paradies zogen sich schon Richard Nixon und Jackie O. vor Feinden und Bewunderern zurück, heute zählen Robert de Niro, Richard Gere und krisenfeste Börsenmakler zur regulären Klientel der 1996 von Orient Hotels gekauften und für 60 Millionen Dollar renovierten Enklave. Denn hier gehört Diskretion zum Angebot, nur das seinerseits nahezu unsichtbare Personal lässt einen vom Augenblick der Ankunft, die mit einem exotischen Punsch an der Rezeption und gleich darauf im Zimmer mit einer Flasche Champagner zelebriert wird, nicht aus den Augen.

Kaum verlässt man seine in eklektisch mit balinesischen Möbeln, provençalischen Textilien und mexikanischen Kacheln eingerichtete Suite für ein paar Minuten, ist das ursprüngliche Niveau wiederhergestellt – das Zimmerthermostat von Geisterhand auf verschwenderische Kühle eingeschworen, die Handtücher aufgestockt, die leeren Wasserflaschen ersetzt. An der Baie Longue, die als perfekter Halbmond die türkisfarbene Karibik anlächelt, wachen von morgens bis zur Dämmerung drei Hotelangestellte darüber, ob ein sonnenbadender Gast vielleicht ein blaues Fähnchen schwenkt. Damit wird der Wunsch nach einem Drink oder Snack signalisiert, der dann umgehend an die Liege gebracht wird. So ist es leicht, sich in der satten Schwüle einer angenehmen Mattigkeit hinzugeben, ja, die Horizontale erweist sich als die bevorzugte Lage. Die Brandung flüstert romantisch. Und es kann einem passieren, dass man einen Gast hört, der sich in geradezu erotischen Wortkaskaden über das Essen von Hummerbeinen ergeht.

Es wird viel geheiratet in La Samanna – eine Zeremonie unter der roten Blütenwolke des Flamboyant-Baumes, Madoodoos (Frucht mit Rum) oder Piña Coladas am Pool, Feuerwerk am Strand. Wasser und Luft sind hier eine symbiotische Beziehung eingegangen, und der Temperaturunterschied beträgt selten mehr als drei Grad, sodass man sich nahtlos von einem Element in das andere bewegt. Jeder erdenkliche Wassersport ist in dem nahezu haifischfreien Meer populär.

Wirkliche Geschäftigkeit geht hier eigentlich nur von den Fröschen aus, die mit ihren hellen Stimmen die Besucher verwirren. Kolibris hat der letzte Hurrican hinweggeweht, überlebt haben die gelben Sugar Birds, die sich mit Zucker an den Tisch im Open-Air-Restaurant anlocken lassen. Zur Zeit der Wirbelwinde im September und Oktober ist das Hotel geschlossen. Außerhalb der Sturmsaison macht sich nur selten ein Orkan von Afrika auf den Weg. Abenteuerlustige Touristen verbarrikadieren sich dann ungern in ihren Strandvillen, das Management hat Mühe, sie von Exkursionen durch die wilde, von entwurzelten Bäumen und fliegenden Autos terrorisierte Landschaft abzuhalten. Ein jeder Sturm verändert die Insel – der letzte brach ganze Brocken von den Küstenfelsen, in denen Belafonte- und Rockefeller-Paläste nisten, und er fegte sämtliche Sandkörner vom Strand von La Samanna. Langsam, aber sicher brachte ihn das Meer jedoch wieder zurück, und der verwüstete Garten wurde für eine Million Dollar neu bepflanzt.

Unabhängig vom Raub der Naturgewalten wird auf St. Martin nichts mehr angebaut: Die nach dem christlichen Heiligen benannte Insel lebte einst vom Zucker, dann vom Meersalz. Nun ist sie auf ihre makellosen Strände angewiesen. Dreimal pro Woche wird ein Container mit erlesenen Nahrungsmitteln aus Paris eingeflogen. Generell gilt das französische Territorium der weltweit kleinsten zweigeteilten Insel – den Holländern gehört Sint Maartin – als die Gourmet-Kapitale der Karibik. La Samanna ist ihre Krone, eine Mischung aus französischer Cuisine und karibischen Zutaten. Nichts könnte besser sein, weder das Essen noch die Bedienung oder die Location, und so verharrt man in La Samanna auf einer Insel mit einer vagen Sehnsucht nach trouble in paradise.

La Samanna, Buchungen über: Orient-Express Sales and Reservation Office, Beethovenstr. 8–10, 60325 Frankfurt am Main, Tel. 069/97554562, Preise: Ein einwöchiges Romantikspecial für zwei Personen ab 1506 Euro

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