Am Samstagnachmittag ruft der Korrespondent einer regionalen Tageszeitung bei einem kanzlertreuen sozialdemokratischen Bundestagsabgeordneten zu Hause an und befragt ihn zu den Schwierigkeiten der Regierung und der Regierungspartei. Dann schreibt er für die Montagsausgabe einen 75-Zeilen-Artikel, in dem er noch fünf weitere SPD-Abgeordnete mit ihren Kriseninterpretationen zu Wort kommen lässt. Und weil noch Zeit ist, schreibt er vielleicht auch eine kurze Highlight-Version seines Textes, die er an die Nachrichtenagenturen schickt – für den am nachrichtenärmeren Wochenende nicht ganz ungewöhnlichen Fall, dass die etwas damit anfangen können.

Jedenfalls melden am nächsten Morgen sowohl Spiegel-online als auch die Deutsche Presseagentur wörtlich die Bemerkungen des Abgeordneten. Weder der Tageszeitungsmann hatte sich die interessanten Sätze autorisieren lassen, vielleicht aus Zeitnot, vielleicht weil der Abgeordnete selbst gar nicht extra darum gebeten hatte, noch die morgendlichen Sekundärverwerter fragen nach – sie zitieren ja sauber mit Quellenangabe. Und die Sätze sind so schön knackig: Nötig sei eine "Trennung der Ämter von Parteivorsitzendem und Bundeskanzler". Darauf müsse es "mittelfristig hinauslaufen".

Das hatte etwas früher zwar auch schon ein ehemaliger Parteivorsitzender öffentlich, im Fernsehen, so gesagt (nicht Lafontaine!) und der Vorsitzende eines SPD-Landesverbandes sogar in einem längeren räsonierenden Interview mit der Süddeutschen Zeitung. Aber eben nicht an diesem Montag, an dem der Kanzler seine Agenda-Mehrheit für den Bundestag noch nicht beisammen hat, an dem noch mögliche "Abweichler" beschwichtigt werden müssen und eine stürmische Parteivorstandssitzung stattfinden soll. Hörfunk und Fernsehen verbreiten das Unerhörte nun weiter, etwas kürzer, aus "mittelfristig" wird "sofort": Ein Abgeordneter fordere den Verzicht Schröders auf den Parteivorsitz. Die fraktionsinterne Gruppierung, der unser Abgeordneter angehört, wird damit identifiziert, besser Plural als Singular: Abgeordnete fordern… Die Kollegen distanzieren sich schärfstens. Gleich beginnt die Parteivorstandssitzung, schwere Autos von links, schwere Autos von rechts, Kameras, Mikrofone, der Verteidigungsminister knöpft sein Jackett zu. Zuruf: "Was sagen Sie zur Forderung von X?" Gegenfrage: "Was hat er denn gesagt?" – "Schröder soll zurücktreten." – "Unsinn!" Der Wirtschaftsminister: "Abwegig!" Ein Ministerpräsident: "Unfug!"

Private Rundfunksender verbreiten jetzt, ein Regierungsabgeordneter habe den "Rücktritt" von Schröder gefordert. Am Nachmittag erklärt der Abgeordnete gegenüber einigen Medien seine Bemerkung, dementiert nicht, relativiert aber, versichert Schröder seiner Unterstützung und weist auf die Mittelfristigkeit der Überlegung hin. Die Meldung verliert an Wucht, anderes wird wichtiger. Ein öffentlich-rechtlicher Fernsehsender bittet ihn tags darauf gleichwohl noch einmal zum Interview: Ob er denn denke, dass die Kanzlermehrheit trotz aller Kritik der "Abweichler" stehe.

Unser Abgeordneter weist darauf hin, dass er zwar die Organisationsstruktur der Partei kritisch hinterfragt, jedoch persönlich nie zu jenen gehört habe, die erwogen hätten, gegen den Kanzler zu stimmen. Vermutlich habe ihn der hoch geschätzte Redakteur mit einem Kollegen ähnlichen Nachnamens verwechselt. Nein, nein, er sei gemeint, heißt es zur Antwort. Von dem Interview auf dem Kölner Flughafen wird natürlich keine Sekunde gesendet, da tatsächlich eine Verwechslung vorliegt.

Das wird spätestens deutlich, als in der fraglichen Nachrichtensendung unter dem Konterfei des kommentierenden Korrespondenten kurz und versehentlich der Name des echten Abweichlers eingeblendet wird (auch der tritt in dem Beitrag übrigens gar nicht auf, weil ihn ja niemand irgendetwas gefragt hat). Unser Abgeordneter gilt noch ein paar Tage lang als "Kritiker" und "Rebell" mit einem ungewissen Nachnamen. Dann ist er wieder kanzlertreu.

*Die Autorin ist die Ehefrau des kanzlertreuen Abgeordneten