Es ist neun Uhr. Hier ist WDR zwei mit den Nachrichten. Düsseldorf. In den frühen Morgenstunden explodierten zwei Atombomben in der Innenstadt. … Entschuldigung. In den frühen Morgenstunden explodierten zwei Auto bomben in der Innenstadt. Es entstanden zum Teil erhebliche Sachschäden…" Mit dieser verstolperten Radiomeldung beginnt Ralf Königs Comic Der bewegte Mann , und das Wort "Atombombe" lässt seinen Comic-Helden senkrecht aus dem Schlaf hochfahren.

Das Radio hat sich in Deutschland zum klassischen Hintergrundmedium entwickelt. Es dudelt immer und überall, in Büros und in den Frühstücksräumen von Hotels, in den meisten Autos und neuerdings sogar in den Wartezimmern von Ärzten. Deshalb bedarf es auch einer (Fehl-)Information von dieser Größenordnung, um uns mit Rundfunkmeldungen noch aufzuschrecken, denn insgesamt 206 Minuten am Tag hören wir Radio. Natürlich nehmen wir dabei gelegentlich Informationen auf, manchmal sogar korrekte.

Es ist nicht nötig, in den Begriff "Information" gar so viel Verheißung hineinzuschauen, wie es die Evangelisten der "Informationsgesellschaft" oder der so genannten Wissensgesellschaft gern tun. Das Wort kommt aus dem Lateinischen, bedeutete ursprünglich "Gestaltung" oder "Bildung", heute "Nachricht", "Mitteilung", "formulierte Unterrichtung". Nach sozial- und literaturwissenschaftlichem Verständnis hat eine Nachricht einen Sender, der sich an einen Empfänger wendet – in der Regel mit dem Ziel, dessen Handeln zu beeinflussen. Dies kann er anonym und mit einer großen Streuung tun: Die kryptischen Botschaften über den neuen Golf ("Macht jetzt auch Spaß", "Hält jetzt auch an"), die gegenwärtig auf Tausenden von Werbegroßflächen prangen, sind ebenso Informationen wie ein Lexikoneintrag. Es gehört nicht notwendig zum Wesen einer Information, dass sie verstanden wird. Oder nützlich ist.

Die meisten formulierten Unterrichtungen, die wir freiwillig zu uns nehmen, erreichen uns über die Medien: den bereits erwähnten Rundfunk, das Fernsehen, die Tages- und Wochenzeitungen, Magazine, Fachzeitschriften, Bücher, Telefone und das Internet. Und hier hat sich in der Tat geradezu revolutionär viel verändert in Deutschland: Achteinhalb Stunden täglich, das ist das Ergebnis der ARD/ZDF-Langzeitstudie Massenkommunikation (2000), nutzen wir die Medien. 1980 waren es fünfdreiviertel Stunden – auch das ist viel Zeit. Aber achteinhalb Stunden deuten zwangsläufig auf einen rasant gestiegenen Nebenbei-Konsum des Medienangebots hin. Wir werden ein Volk von Multi-Taskern, wir lesen bei der Arbeit E-Mails, sehen fern beim Bügeln, lesen Zeitung beim Radiohören.

185 Minuten, mehr als drei Stunden, widmen wir täglich dem Fernsehen. Es ist auch das Medium, das die meisten Menschen auf eine einsame Insel mitnehmen würden. Es gibt zehnmal so viel laufendes Programm wie vor zehn Jahren. Jeder Haushalt besitzt – mindestens –ein Fernsehgerät.

Aus der Mode kommt das Zeitunglesen. 1990 griffen noch 71 Prozent der Erwachsenen jeden Morgen zur Tageszeitung, heute sind es nur noch 54 Prozent. Besonders viele Federn haben die Zeitungen in Ostdeutschland gelassen – und bei der jugendlichen Leserschaft. Im Osten verloren sie fast zwei Drittel ihrer Auflage. Und von den jungen Leuten unter 30 nimmt nur noch ein Viertel regelmäßig eine Tageszeitung zur Hand. Ostdeutsche wie Jugendliche haben zudem eine hohe Affinität zu den informationsarmen Privatfernsehsendern, die die "harten" politischen Inhalte in ihren Programmen geradezu systematisch zurückdrängen. Bücher stagnieren als Informationsquelle bei wenig beeindruckenden 17 Durchschnittsminuten pro Tag.

Der größte Zeitgewinner ist das Internet, zu dem erstmals mehr als die Hälfte der über 14-Jährigen wenigstens "gelegentlich" Zugang haben. Im Jahr 2000 surften die Deutschen durchschnittlich 13 Minuten am Tag, nun sind es 45. Auch dies ein Durchschnittswert: Die tatsächliche Verweildauer typischer Nutzer liegt weit darüber, bei 138 Minuten am Tag. Die Zuwächse erklären sich vor allem daraus, dass sich die 40- bis 60-Jährigen in den vergangenen zwei Jahren geradezu massenhaft auf die neue Technologie gestürzt haben.

Was macht der Einzelne aus dem überreichen Informationsangebot? Sieht er die Tagesschau oder die Doku-Soap über Tanja, die Teenager-Mama? Verhältnismäßig wenig Werbung bei den öffentlich-rechtlichen Sendern oder nahezu 20 Prozent bei den Privaten? Sieht er im Internet Pornos an oder die aktuellen Meldungen der Nachrichtenagenturen?