"Briefe eines Narren an eine Närrin" – das wäre was für mich, möchte man bei einem solchen Titel ausrufen und sich sofort ans Werk machen, jenem Manne bei Jean Paul gleich, der, zu arm, sich die Bücher zu kaufen, die der herbstliche Messekatalog anzeigt, sie sich nach den Titeln selbst zu schreiben beginnt. Zu weit hergeholt ist die Idee auch nicht; der junge Gutzkow, einundzwanzig Jahre alt, als er diese Briefe schrieb, 1832, war, wie so manche der Begabtesten und Wildesten damals (man denke an Börne, aber auch an den jungen Stifter), ein leidenschaftlicher Verehrer Jean Pauls, der noch gar nicht lange, sieben Jahre erst, tot war. Gutzkow, in diesen Jahren ein politischer und poetischer Feuerkopf, exponierte sich in seinen Briefen, jedenfalls auch, als Satiriker – eben als Satiriker hatte auch Jean Paul seinerzeit angefangen, und in seinen großen Romanen war er das auch geblieben, mehr an ihren Rändern vielleicht, aber das ist aus dieser Ferne nicht mehr so deutlich zu sehn.

Genau da liegt natürlich das ganze Problem gewesener politischer Satire: Sie hängt, in jenen Zeiten, mit Freiheit zusammen, deren Fans wir alle sind, egal ob wir das Wort bei Heine, bei Börne, bei Forster, bei Gutzkow neuerdings auch (er war ein Jahrhundert lang wie verschollen) hören; etwas schwieriger ist das bei Klopstock, bei Schiller, ganz schwierig bei Goethe – aber alles in allem scheint uns jeder verehrungswürdig, der damals für die Freiheit war. Aber im Einzelnen hapert es immer wieder, und so auch hier bei Gutzkow.

Es ist herrlich, wie er reden kann, sein Schwung geht bis zu den Sternen und weiter, er schreibt etwa: "Die Ewigkeit der Sterne bedeutet mehr als die bloße Ausdehnung in der Zeit, sie ist auch der Sieg der Zeit, ihr ruhmvoller Sieg. Der Ideenschmuggel wird die Poesie des Lebens werden. So- lange noch der Pflüger auf dieser Grenze seinen Pflug eine Weile stehen lässt, und mit dem Pflüger auf der andern im Schatten der Grenzeiche ein vertrauliches Gespräch halten kann …" – "Gränze" schreibt er immer, "Gränzeiche" (kaum noch zu entziffern), aber, nicht wahr, was sind Pflüger, Grenzeichen, oder wie übersetzt man das alles in unsere Tage (ins Arabische)? Oder: "Du nennst den Krieg ewig, er steht dir höher als der Frieden, weil dir Sehnsucht mehr ist als die Befriedigung, und der Krieg scheint dir eine Sehnsucht nach dem Frieden. Aber der Krieg ist ein Irdisches, im Irdischen will die Menschheit immer befriedigt sein…" – man hätte ihm den Friedenspreis geben müssen, keine Frage, und irgendeinen protestantischen Ehrendoktor dazu.

Oder: "Staat ist nur ein Übergangspunkt in einen andern Zustand, und dass dieser glücklich ist, muss aus der Monarchie sich noch die Republik, dann aber erst aus der Republik sich das große Philadelphia bilden…" – , so hat man sich damals ausdrücken dürfen, oder nur können vielleicht auch; und wenn man sich nun vertiefen würde in die damalige Realität, und verstehen würde, was genau Gutzkow meint – was hätten wir dann eigentlich in der Hand von der ganzen sympathischen Emphase?

In den restlichen siebzig bis achtzig Prozent seines Textes redet Gutzkow von Verhältnissen, die jedem außer einem spezialisierten Fachmann vollkommen fremd sind (außer er denkt, er begreife sie rein aus dem schönen Pathos, und meint also, wer Freiheit sage, habe schon recht gehabt), man versteht also fast nichts. Und wo man ein bisschen versteht, ahnt man schrecklich deutlich, dass man nichts Vergleichbares um sich hat; dass also nichts zu lernen ist für uns (außer für die Freiheit zu sein, diesen Namen, dieses schöne Wort). Und man sieht, wie wir bloß ein bisschen sinnlos unsre ohnmächtige Anhänglichkeit an poetische Worte feiern, wenn wir nach einigem Suchen überall diese tollen damaligen Dichter finden, die sich ganz so engagiert zu zeigen scheinen, wie wir an ihrer Stelle gern gewesen wären. Es ist was ungeheuer Verzweifeltes an dem Bemühen, in Schriftstellern wie eben Gutzkow oder etwa Wieland (von Börne und Heine jetzt geschwiegen) immer unsere politischen Rechtschaffenheiten nach vorn zu rücken, fast als täte es dem, was sie sonst gemacht haben (Romane etwa), Abbruch, wären sie nicht so für die Freiheit gewesen wie wir an ihrer Stelle.

Und im Grunde bleibt also wirklich nichts, als den wunderbaren Titel dieses an und für sich und vor allem damals bestimmt brillanten Büchleins zu nehmen und sich den Text selbst zu schreiben – es gibt keinen andern Weg zu diesen Toten hin. Und Gutzkow würde zustimmend brummen und allenfalls sagen: Ja, und lest dann aber ruhig mal meine Nihilisten, da könnt ihr wirklich was lernen, das ist ein Roman.