Das süße Leiden der Unverstandenen, virtuoser Weltschmerz und die Freude an misanthropischen Generalurteilen. Die Vorrechte der Jugend sind einfach zu schillernd, als dass man sie schon mit dem Clearasil-Fläschchen entsorgen möchte. Mögen Soziologen, die das Ende der Adoleszenz inzwischen auf die 30 datieren, der vornehmlich männlichen Verweigerungshaltung, mit Würde erwachsen zu werden, statistischen Feuerschutz geben. Mag eine ausgeprägte Mutterfixierung ihren Anteil an der Genealogie des Reifungsboykotts haben. Am Ende steckt hinter jeder Flucht in die Atavismen der Pubertät auch der simple Lustgewinn. Das Kino hatte schon immer und lange, bevor es Nick Hornbys Romane als Vorlage entdeckte, eine Schwäche für all die überalterten Jünglinge, ihre zelebrierte Ziellosigkeit und ihren larmoyanten Sermon von der Unverträglichkeit der Geschlechter. Irgendwie unheimlich schön - Jan (Markus Sieber) und Nadja (Valerie Koch) als Hippie-Nachhut

Im deutschen Kino überkreuzt sich die Lust an der Unreife gerade mit der von Good Bye, Lenin! losgetretenen Achtziger-Retro-Welle. Romanverfilmungen wie Liegen lernen von Hendrik Handloegten oder Leander Haußmanns Herr Lehmann begleiten die Entwicklungsgeschichten ihrer Jungbleiber mit mokanter Nachsicht und erinnerungswarmem Lächeln. Anders als Eichendorffs Taugenichts treibt die ewigen Heranreifer in der kollektiven Rückblende jedoch keine antibürgerliche Erlösungssehnsucht an. Die Helmuts und Lehmänner haben keine Vision von irgendwelchen Gegenwelten, sondern nur die Hoffnung, dass das Leben außer dem Wecker keine größeren Zumutungen mit sich bringt, dass die Leberwerte im Kumpelnest stabil bleiben und die Zukunft nicht von lästigen Verpflichtungen getrübt sein möge. Zweisamkeit ist ihnen ein notdürftiger Kompromiss, Einsamkeit eine heilige Attitüde.

Doch einzelner als jetzt in Stefan Krohmers Kinodebüt Sie haben Knut scheint der einzelne Achtzigermensch nie gewesen zu sein. Ingo (Hans-Jochen Wagner) heißt er hier, trägt eine Dirigentenfrisur, dazu grobe Wollpullover mit Schalkragen und schnauft bei den kleinsten körperlichen Verrichtungen. Wenn Ingo Beziehung meint, sagt er "Experiment", und wenn er vor seiner Freundin Nadja (Valerie Koch) die Begrifflichkeiten der Liebe umkreist, dann nur mit dem phänomenologischen Schweif des "irgendwie".

Wehe dem, der sich politisch nicht einbringt!

Seine Stimme wird in solchen Momenten besonders bedächtig. Watteweich legt sie sich über die Müdigkeit seiner Zuhörerin – wie der Schnee über die Berghütte, in der Nadja und Ingo ihre Zweisamkeit reformieren wollen. Doch ihre Beziehungsexerzitien, die Krohmer am liebsten durch kuschelig-bürgerlich erleuchtete Fenster einfängt, werden bald von einer Herde skiurlaubender Polit-Ökos gestört. Junglehrer, Sportstudenten und Antiatomkriegsaktivisten samt halbwüchsigem Nachwuchs okkupieren fortan mit ihrer Plenum- und Palaver-Kultur das Idyll.

Es beginnt ein Stellungskrieg zwischen Ingos feierlicher Innerlichkeit und dem Terror der Gruppe. Die Mehrheit kontrolliert, wer "sich politisch nicht einbringt", zu wenig zum Wir-Groove beiträgt und zu viel mit dem Skilehrer herumschäkert. Vor allem Wolfgang, ihr Chefideologe, sorgt sich um die Truppenmoral. Drehbuchautor Daniel Nocke hat diesen Part mutig selbst übernommen und präsentiert sich als sanfter Gruppen-Stalin, in dessen herrlich beleidigtem Grundton zu oft verschobene Aggressionen ihren unappetitlichen Ausbruch ankündigen.

Krohmer, der 1980 zehn Jahre alt war, Friedensbewegung und Demo-Kultur vor allem über den Freundeskreis seiner Mutter kennen lernte, besichtigt diese Politniks, ihre Nistplätze und Gewohnheiten wie ein Ornithologe. Eher nüchtern als belustigt dokumentiert er ihr verspanntes Gemeinschaftsleben und ihre gänzlich ironiefreie Rede. Er braucht keine Übertreibungen, um die Verklemmtheiten dieser Hippie-Nachhut herauszustellen. Wie zuvor in seinen TV-Spielfilmen Ende der Saison oder Familienkreise gibt sich sein Blick rein empirisch. Und das mit einer Präzision, die etwas angenehm Kaltblütiges hat. Ihm soll nichts entgehen. Nicht die angestrengte Freude bei dilettantischem Bongo- und Blockflötenspiel. Und vor allem nicht diese Mischung aus Schreck und Seligkeit in den Gesichtern, als das Ausbleiben von Nadjas Bruder Knut wüste Verschwörungstheorien zeitigt.

Affären bahnen sich an, aber auch die ersten Budenkoller. Draußen ist es zu kalt, als dass man sich lange allein durchschlagen wollte. In der Hütte verschlucken Ofen und Gruppenleben zu viel Sauerstoff. Utopien von paradiesischen Kollektiven zerflocken zu höchst individuellen Scheitergeschichten. Indessen quittiert der Nachwuchs die Ideale antiautoritärer Erziehung mit tumber Wut. Und so zeigen sich die Kinder gegenseitig – kurz nachdem die Eltern ihnen mit waidwundem Blick aggressives Fingerhakeln verboten haben –, wie man gehörig eine weidende Kuh verkloppt. Am Ende wird Ingo, der Privatheitsmissionar, das Projekt Beziehung vertagen müssen. Er zieht weiter. Angeblich ins nächste, anfängerfreundlichere Skigebiet.