Es ist Herbst. Melancholie allerorten. Jeder klagt über die kürzer und trüber werdenden Tage, das fallende Laub, den nasskalten Wind. Alles stirbt ab. Und es kommt noch schlimmer: Der November bringt Allerheiligen und Allerseelen, Volkstrauertag und Totensonntag. Wenigstens den Buß- und Bettag haben sie fast überall abgeschafft. Was machen die Menschen da, wenn sie sich nicht nach Winterschlaf sehnen? Sie laufen in die Kinos, plündern die Süßwarenabteilungen der Kaufhäuser und zeugen Kinder. Kinder? Ja, wirklich, und zwar viel mehr als sonst. "Die meisten Kinder kommen im Sommer zur Welt", vermeldete unlängst das Statistische Bundesamt. Die Geburten häufen sich im Juli, August und – hätte der auch 31 Tage – im September. Wie ist das zu erklären? Fragt man nach, erntet man Achselzucken und allenfalls den verschmitzten Hinweis, im Dunkeln werde eben gerne gekuschelt.

Wie in den USA. Man kann darauf wetten, dass im Mai 2004, also neun Monate nach dem gigantischen Stromausfall, die Zeitungen voll sein werden mit Reportagen aus überfüllten Kreißsälen. So war es schon im August 1966, im Jahr nach dem ersten, legendären New-York-Black-out. Klar, denkt man sich: Kaum gehen die Lichter aus, und kein Fernseher lenkt mehr ab, tun die Menschen nur noch das eine. Doch das ist nichts als Legende. Die Statistiker stellten für die fragliche Zeit keine erhöhte Anzahl an Zeugungen fest. Gleiches gilt für den transatlantischen Stromausfall des Jahres 1977. Warum auch? Selbst wenn es mehr Sex gegeben haben sollte, warum sollten mehr Kinder zur Welt kommen? Weil die Menschen im Dunkeln die Kondome nicht fanden?

Also: Werden im Herbst tatsächlich mehr Babys gezeugt? Beim Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung verweist man zunächst auf dessen ehemaligen Direktor, Karl Schwarz. "Das ist doch eine Illustriertenfrage", wundert sich dieser. "Nichts für eine ernst zu nehmende Zeitung." Und doch sucht der mittlerweile 86-Jährige seine Aufsätze zum Thema heraus, erschienen 1959 und 1963 in Wirtschaft und Statistik. Dort ist Erstaunliches zu lesen: "Die meisten Kinder werden in der ersten Jahreshälfte, und zwar vor allem von Februar bis Mai geboren; die wenigsten im August und von Oktober bis Dezember." Mit anderen Worten, und das gilt fast für das ganze 20. Jahrhundert: Die meisten Kinder werden "zwischen Mai und August, also im Frühjahr und Sommer konzipiert", vulgo: gezeugt. Von wegen Herbstgefühle! Nur der Dezember macht eine Ausnahme, da werden ähnlich viele Kinder empfangen. Schließlich ist Weihnachten, Silvester. Man hat Zeit und Muße. "Festtagsstimmung eben", sagt Karl Schwarz.

Doch mit dem Jahr 1979 kommt ein grundlegender Wandel. Seitdem ist die Zeugungsrate im Herbst höher als sonst. Und dieser Trend hält bis heute konsequent an. Wie kann das kommen? Alexander Lerchl, Biologieprofessor an der International University Bremen und Experte für Biorhythmen, hat in seiner Zeit am Institut für Reproduktionsmedizin an der Universität Münster die Geburtenziffern der letzten 50 Jahre untersucht und dabei nachgewiesen, dass in warmen Zeiten mehr Jungen geboren werden als in kalten. Aber zur jahreszeitlichen Verteilung der Geburten kann selbst er nur Vermutungen anstellen.

"Als die Menschen noch den natürlichen Temperaturverläufen und der Intensität des Außenlichts ausgesetzt waren, fielen die meisten Zeugungen tatsächlich in den Frühsommer", führt Lerchl aus. Ansteigende Wärme und zunehmendes Licht üben einen positiven Einfluss auf die Psyche und heben die Stimmung. "Das wirkt sich auch in Richtung vermehrte Konzeption aus." Je mehr wir aber durch Heizungen, Klimaanlagen und künstliche Beleuchtung von den Umwelteinflüssen abgekoppelt sind, umso geringer wird der Einfluss des biologischen Rhythmus.

Warum wird heute trotzdem die Zeugung im Herbst bevorzugt? Jürgen Dorbritz vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung glaubt an eine bewusste Entscheidung für einen Geburtstermin. Schließlich ist die Geburt in Zeiten des Individualismus kein Naturereignis mehr, sondern meist wohl kalkuliert. Aber welche Vorteile hat es, im Oktober ein Kind zu zeugen? Möchten die Frauen unbedingt im Hochsommer unter ihrem dicken Bauch leiden? Hemmen die Anstrengungen heutiger Aktivurlaube das sexuelle Verlangen? Und im Herbst kommt es dann zur Torschlusspanik? Keiner weiß es.

Nicht einmal für die jahreszeitliche Verlagerung der Befruchtungspraxis im Jahr 1979 gibt es eine wissenschaftliche Erklärung. Licht- und heiztechnisch gesehen, hatte sich in den späten Siebzigern nicht so viel Neues getan. Die Ölkrise lag schon lange zurück. Der Blick in die Chronik lässt jedoch aufmerken: Maggie Thatcher übernimmt in Großbritannien die Macht, in Harrisburg ereignet sich der bisher schwerste Atomunfall, und Franz Josef Strauß wird Kanzlerkandidat. Der Untergang schien nahe. Doch wie sagte schon Martin Luther: "Wenn morgen die Welt unterginge, pflanzte ich heute noch ein Apfelbäumchen." Tatsächlich kamen 1980 signifikant mehr Kinder zur Welt als in den Jahren zuvor. Oder sollte das daran liegen, dass 1979 zum Internationalen Jahr des Kindes erklärt worden war?

Die Gründe bleiben im Dunkeln. Dennoch darf man auf die Geburtenziffern des nächsten Jahres gespannt sein. Die Stiftung Warentest preist nämlich gerade Lichttherapiegeräte gegen herbstlichen Trübsinn an, versäumt es aber, vor möglichen Nebenwirkungen zu warnen. Dabei heben mehr Licht und mehr Wärme doch spürbar die Stimmung. Die Folgen sind bekannt.