E in wesentlicher Unterschied zwischen Dalmatinern und Kindern ist der: Kinder lassen sich nicht, nachdem ihr Halter bemerkt hat, dass sie Flecken und Kratzspuren ausgerechnet dort hinterlassen, wo er sie sich am wenigsten wünscht, gegen eine Zahlung von 175 Euro in eine Notunterkunft abgeben. Als Dalmatiner vor ein paar Jahren den Weg in Spielfilm und Reklame fanden, schafften sich wohlhabende Familien in Großstädten diesen Hund an, eine Rasse, von der sie erst hinterher aus der Fachliteratur erfuhren, dass sie "mit großer Ausdauer und sehr schnell laufen kann".

Inzwischen sieht man nur noch vereinzelt Familienväter ihren Hunden hinterherhecheln, und auch aus der Werbung ist der Dalmatiner verschwunden. Seinen Platz haben Kinder eingenommen, Kinder als Statussymbole. Wobei dies keinesfalls bedeutet, dass es stimmt, was sich die Menschen auf Partys gerne erzählen, in fester Überzeugung, die zynischen Werbemenschen durchschaut zu haben: dass Hunde und Kinder "eben immer gehen". Nein, man muss differenzieren: Werber sprechen von der Dalmatiner-Zeit, der Golden-Retriever-Zeit oder von der Weimaraner-Zeit. Und welche Kinder gehen, entscheiden die Menschen in den Werbeagenturen gewiss erst nach sehr schwierigen Sitzungen.

Es ist nicht lange her, da waren Kleinkinder in der Werbung vorwiegend Nässetestpersonen, Überraschungsei-Verlanger und Spinat-mit-Sahne-Veredeler. Sie traten dann auf, wenn die Kinder die Produkte selbst verbrauchen sollten. Später dann halfen die Kinder in der Werbung ihren Eltern auch schon mal, eine Versicherung oder ein Auto zu finden. Eine Van-Werbung ohne Kinder wurde so undenkbar wie ein Auto ohne Seitenaufprallschutz.

Neuerdings jedoch hilft das Kind nicht mehr nur beim Statussymbolerwerb. Das Kind dient selbst als Statusobjekt. Die perfekten Frauen in der Gucci-Werbung tragen ihre Kinder so lässig wie eine exklusive Lederhandtasche. Mastercard beugt sich der Biologie und gesteht ein, dass man Kinder nicht mit Kreditkarte kaufen kann und sie in Wahrheit der Luxus seien, auf den es ankommt. Die Telekom plakatiert an Bushaltestellen ein schlafendes Baby und betitelt es mit einem einzigen Wort: "Stolz". Und der Staubsaugerdirektvermarkter Vorwerk zeigt eine vielfache Mutter, die von sich behauptet: "Ich leite ein sehr erfolgreiches kleines Familienunternehmen."

Mütter wie Verona Feldbusch und Liz Hurley setzen die Werbebotschaft um. Frauen, von denen man vormals vermutet hätte, dass sie schon beim Gedanken an Schwangerschaftsteststreifen oder gar Schwangerschaftsstreifen in Ohnmacht fielen, weigern sich heute, ohne ihr zurechtgestyltes Kind fotografiert zu werden. Das Beispiel macht Schule. Auf den Straßen werden die Babys nicht nur zahlreicher, ihre Mütter stecken sie in Kleider der Firma Cakewalk, in deren Katalogen Kinder in schwarzem Leder die Arme lässig über die Stuhllehne baumeln lassen, als würden sie gleich eine Latte Macchiato bestellen. Erst dann nehmen sie sie mit, um selbst einen Kaffee zu trinken. Damit jeder versteht, dass Kinder Luxusgüter sind, die sich im Gegensatz zu Yachten und Sportflugzeugen nur eine überschaubare Minderheit noch leisten kann, heften sich manche Eltern Aufkleber an ihren Saab, der das Logo der Computerfirma Intel in "Baby inside" verwandelt. Menschen mit etwas subtilerem Humor stecken ihre Kinder in ein teures Leibchen aus Baumwolle, das nur bei einem Internet-Versender erhältlich und mit den Worten "Statt Karriere" bestickt ist.

Aber man ahnt schon, dass auch diese Mode nicht lange währen wird. Der Dalmatiner erfreute zumindest durch Beständigkeit und konstante Laufleistung. Das unter Strapazen angeschaffte Kleinkind jedoch hat in zwei, spätestens drei Jahren ausgedient. Dann bleibt den Eltern nur noch ein gemeines Kind: weniger putzig als zuvor, dafür unhandlicher und teurer. Das möchte dann womöglich gar nicht mehr auf dem Schoß der Eltern deren Ansehen verbessern, sondern fängt an, sich um seinen eigenen Status zu sorgen.

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