Manfred Fuhrmann: Aus der Bahn geworfen - Die Stationen des jüdischen Theatermannes Dr. Hans Kaufmann - mit einem Geleitwort von Martin Walser - Aisthesis Verlag, Bielefeld 2003 - 132 S., 16,- e

Der Theater- und Opernregisseur Hans Kaufmann gehört wohl nicht zu den ganz Großen seiner Profession, aber er verköperte jenen Typus des gebildeten, verantwortungsbewussten und engagierten Bürgers, auf den keine Kultur verzichten kann, die eine bleiben will. Es gab bekanntlich eine Zeit, da die Deutschen entschlossen waren, darauf zu verzichten, auf Kultur - und auf Menschen wie Hans Kaufmann. Dass wir nun seine sorgsam rekonstruierte Lebensgeschichte erfahren, verdanken wir dem Latinisten Manfred Fuhrmann und einem biografischen Zufall: Fuhrmanns Eltern waren mit Kaufmann befreundet, und sie gaben dem von den Nazis Verfolgten Unterschlupf, bis ein eher geistesschwacher als wirklich bösartiger Denunziant die Sache auffliegen ließ. Allein die Schilderung dieses Vorgangs ist ebenso spannend wie bedrückend.

Kaufmann, 1876 in Berlin geboren, lernte bei Otto Brahm am Deutschen Theater, war Regisseur am Schillertheater, dann am Deutschen Opernhaus in Charlottenburg, 1920 bis 1925 Intendant in Braunschweig, bis 1931 Intendant in Bern. Dort kündigte er wegen eines konzeptionellen Streits und ging zurück nach Deutschland - ein Fehler, dessen fürchterliche Tragweite ihm sehr schnell, aber zu spät klar wurde. Er überlebte "die Hölle von Theresienstadt" (Kaufmann), war für eine kurze und schäbig beendete Zeit Intendant in Detmold und kämpfte vergeblich um eine Entschädigung. Im Deutschen Schauspielhaus zu Hamburg, das ihn zuletzt beschäftigt und wegen seiner jüdischen Herkunft gekündigt hatte, waren die entsprechenden Unterlagen rechtzeitig vernichtet worden, sodass ein zuständiger Regierungsdirektor frech behaupten konnte: "Ob der Grund für sein vorzeitiges Ausscheiden darin zu erblicken ist, dass Herr K. Nichtarier ist, lässt sich heute mit Sicherheit nicht sagen." So im Ablehnungsbescheid von 1952. Nichtarier! Und dies zu einem Überlebenden des Holocaust. Das waren die fünfziger Jahre.

Von solch bösen, aber lakonisch erzählten und historisch genau belegten Pointen ist Fuhrmanns Büchlein voll. Es ist ein Zeugnis der Sühne: damit Hans Kaufmann nicht vergessen werde. "Ein unendlich fleißiger und anscheinenend unbeirrbar wohlgesonnener, gutwilliger Mensch muß sich gegen eine unbehebbare Benachteiligung, gegen eine alle persönliche Fassungskraft übersteigende, weil historische Gemeinheit wehren." So Martin Walser in seinem Geleitwort.