Der Schweizer Schriftsteller Peter Bichsel gehört zu jenen ungestüm bescheiden auftretenden Zeit- und Eidgenossen, die auf das Bibel-Wort vertrauen: Wer sich erniedrigt, wird erhöht werden. "Ich bin der Triangelspieler im Orchester, der zu Hause ein bißchen Geige spielen übt, aber zu nichts kommt", so umschreibt der Autor sein emsiges Kolumnieren seit vielen Jahren nun schon . Mögen andere die tonangebenden großen Romane schreiben, Herr Bichsel setzt sich irgendwo in den Zug und sagt sich: Es muss ja nichts Großes sein. Das Leben ist auch ein armes Theater und will doch irgendwie ausgefüllt sein bis zum Abgabetermin, wie dieses leere Blättchen. Und wenn dem Schienen-Flaneur partout nichts einfällt? Dann schreibt er eben darüber. Das kann einen Autor, der im Ruf steht, das Schweigen, ja selbst das Nichterzählenkönnen erzählen zu können, nicht aus der Bahn werfen.

Es muss wirklich nichts Großes sein. Ein kleiner Ärger, ein bewährtes kleines Ressentiment kann den Anfang machen. Etwa so: "Die Frage, welches mein Lieblingsbuch sei, finde ich beleidigend." Eine prima Eröffnung. Schon ist der Triebkopf unter Strom: Es muss doch nicht immer der Lieblingswein, das Lieblingswasser, nicht immer das Beste und Superlative sein. Das macht doch nur den Landwein madig, das gute einfache Wasser verächtlich und schließt überhaupt so vieles aus, das nicht groß und bedeutend ist und doch auch eine Existenzberechtigung hat, fährt Bichsel fort, um plötzlich in einer unverhofften Volte den Stich zu machen mit einer Gegenfrage: "Erinnern Sie sich an einen Mann namens Ghaddafi? Die Amerikaner erklärten ihn mal zum bösesten Bösewicht der Welt und taten so, als wäre die ganze Welt in Ordnung, wenn jener Bösewicht vernichtet würde. Er lebt noch und ist längst ersetzt durch einen anderen Bösesten, den es zu vernichten gilt und dessen Tod die heile Welt bedeuten würde."

Von der Lieblingskrawatte zum Lieblingsbösewicht der Amerikaner – jäh lenkt der Autor seinen Kahn aus lieblich dahin plätscherndem Plauderbächlein in reißenderes Gewässer, um das Kontinuum der Lüge, der Übertreibung und Raserei in unseren Begehrlichkeiten und Begriffen schockartig zu vermitteln. Er gibt gern Fragen auf eilfertig gestellte Antworten, um anzuzeigen, dass wir mit unserer angemaßten Wichtigkeit auf dem falschen Dampfer sind. Im Bildungsbereich sind wir schon aufgelaufen, schon melden sich nach der Pisa-Studie jene, die die Analphabetisierung der Gesellschaft im Dienste des heiligen Profits mitbetrieben haben, als Havariekommissare zu Wort und schieben die Schuld den Schülern in die Schuhe. Die Verlogenheit gehe auf keine Kuhhaut, meint der Autor. "Eine Welt, die nicht mehr liest, möchte lesende Schüler. Eine Welt der Gewaltigen und in der Gewalt Tätigen möchte eine Schule, die zur Gewaltfreiheit erzieht … in Wirklichkeit möchten wir doch nur eine Schule für Erfolgreiche, für eine erfolgreiche Wirtschaft zum Beispiel. Und diese Schule haben wir doch – und diese Wirtschaft auch."

Und die Alten sind es, die die Welt so schnell gemacht haben, zu schnell für sich selbst. Für den clash of generations, diese ewige Wiederkehr der "querelle des anciens et des modernes" findet Bichsel eine wunderbar ungesuchte Parabel. Er beobachtet im Baseler Zoo einen alten Rhesusaffen-Clanchef, der stundenlang dasitzt und bloß die Augäpfel sachte hebt und senkt, um den Schaukelbewegungen eines kleinen Äffchens auf dünnem Ast zu folgen. Schließlich erhebt sich der Alte, steigt auf einen korpulenten Ast und versucht die Schaukelbewegungen des Kleinen nachzuahmen, doch nichts rührt sich. Da fällt er wütend über den Kleinen her.

Bei allem eklatanten Engagement hinterlassen Bichsels Plaudereien mit ihrem gemütlichen Stallgeruch der schwyzerischen Couleur locale ("Verdingbub", "Fleischvögü mit Härdäpfustock") "im Abgang" wenig Belehrung. Der Autor ist zu ratlos, um an die Durchschaubarkeit, geschweige denn Belehrbarkeit der Welt glauben zu können. Sein Schreiben besticht nicht durch intellektuelle Brillanz, sondern durch Verstörung beziehungsweise die gewitzte Inszenierung dieser Verstörung. Die Dinge stoßen ihm zu, und er empfiehlt, ja er verbürgt sich schon mit dem gemächlichen Habitus seines Erzählens selbst für die heilsame Tugend der Langsamkeit und des Entbehrenkönnens. Eine franziskanische Botschaft, die sich seit 30 Jahren durch sein literarisches Schaffen zieht: Nicht immer mehr leisten, mehr erreichen, mehr sein wollen. Lieber "reduziert sein auf das, was man ist, ein schlagendes Herz und ein durchblutetes Hirn." Auch mal einen Event, eine "Expo" auslassen. Sich auch mal ein teures Pelzmützchen stehlen lassen. Ballast abwerfen. Einfach "dasitzen und sein", sprachlos wie Gustav, das Kneipengespenst zu später Stunde. Gustav, der die Stirn in Falten legt und salomonisch sagt: "So ist es doch, wenn es so ist." Als exemplarischer Zeit- und Eidgenosse zeigt uns der Kolumnist, wie es gehen kann: Es muss nichts Großes sein.