Das Schlimmste an den Hippies war vermutlich ihre Musik. Oder waren es ihre Naivität, die Drogen, das Orange der Batik-Gewänder, die psychedelischen Vibrationen und ihre unübersehbaren Spätfolgen, jene schlecht erzogenen Kinder? Hippies gelten als die ungeschützteste Spezies der 68er-Generation. Während die einen ihr Innerstes unter politischen Transparenten verstecken konnten, die anderen hinter coolen Sonnenbrillen, setzten sie sich dem nackten Spott aus – ich Thoreau, du Winnetou, wir Brüder. Selbst ehemals drogensüchtige, ausgeflippte und links fühlende Schriftsteller schlugen kräftig in die 68er-Kerbe: "Ihr Vermächtnis sind Waffen, Gangs und kaputte Familien, in denen niemand mehr Verantwortung übernimmt." So der amerikanische Autor T. C. Boyle 1998 in einem Interview.

Was also darf man erwarten, wenn ein Literat, ebendieser szenige, 191 Zentimeter dünne T. Coraghessan Boyle, der für seinen Sarkasmus und Zynismus bekannt ist, von der Odyssee einer Hippie-Kommune erzählt, den Blick 30 Jahre zurück auf eine Öko-Utopie in Kalifornien richtet, nachdem er schon vor zwei Jahren in seinem Roman Ein Freund der Erde das ökologische Horrorszenarium des Jahres 2025 entworfen hatte? Verblüffenderweise ist es das Unerwartete, eine Tragikomödie, die den menschlichen Makel wie die göttliche Ohnmacht einschließt. Als habe die Literatur endgültig über den Kommentar zum Tage gesiegt.

Etwa 60 Hippies leben auf einem Grundstück, das sich Drop City nennt, rauchen ihr Dope, lieben, kochen, schlafen, querbeet und im Einklang mit der Natur. Nur das Latrinenproblem stört, die Feindschaft der umliegenden Farmer, die lauernde Aggressivität der Polizei, die intellektuellen Spanner, die am Wochenende zum Freakseeing anfahren. Ein Reigen relaxter Erektionen bestimmt den Tagesablauf, die "größte Plattensammlung der Erde" wartet, dazu dopeversetzter Haferbrei und der wöchentliche Nachschub vom Supermarkt – die Natur und das Sozialamt geben’s, die Freaks und ihre Bräute nehmen’s. Als Star und Pan von der fernen Ostküste im sonnigen Paradies ankommen, vermehrt sich die Gemeinschaft um zwei weitere Mitesser. Star und Pan, eigentlich Paulette Regina Starr, eigentlich Ronnie Sommers – Pseudonym und Personalausweis bleiben zwei Welten.

"Der Morgen war ein Fisch im Kescher, glitzernd und zappelnd am pechschwarzen Rand ihres Bewußtseins", denkt Star, und so beginnt der Roman. Nur hat sie leider in ihrem Leben noch nie einen Fisch gefangen, also ist sie nicht so sicher, ob der Vergleich stimmt. Ein eleganter Schachzug Boyles, kommentiert er doch zum einen ironisch den Vorwurf der Metaphernseligkeit, thematisiert aber zum anderen das Kind in der Revolution: ständig von etwas reden, was man nicht kennt, nach etwas fragen, was man nicht sieht. "Imagine there’s no heaven … above us only sky." Kinder, große Kinder sind es, die Neil Youngs I’m A Child singen, ein Baumhaus bauen, die Farm bunt anstreichen, ihre eigene Farbkopie von der Realität ziehen. Und doch lässt sich das Schwarzweiß nicht überdecken: als Pan ein Reh blutig erlegt, als ein 14-jähriges Mädchen von schwarzen Hippies vergewaltigt wird, als die Baupolizei das Grundstück schließen will, als ein Kind den Orangensaft samt LSD trinkt, als schließlich Norm Sender, Besitzer der Ranch, mittsommerhigh ein Pferd überfährt und eine Massenkarambolage verursacht. Der kalifornische Traum neigt sich langsam dem Ende zu. Auto gegen Pferd, nicht die Natur regelt das Problem, sondern der Staat.

Das Böse hält den Western frisch

Doch T. C. Boyle, der 55-jährige amerikanische Erfolgsautor, hat vorgesorgt, nach 80 Seiten wechselt er die Perspektive und zieht in den Norden Amerikas, nach Alaska, zum jungen Cecil "Sess" Harden, der sich mit seiner Frau Pamela in die Natur flüchtet, in ein Blockhaus am Thirtymile-Fluss. Die nächste Blockhütte, ein paar Meilen entfernt, steht leer… die Geschichte von Drop City beginnt ein zweites Mal. Die Hippies wählen den langen Weg, fahren in einem alten Schulbus nach Alaska, um dort jene Natur zu finden, die "ein riesiger Selbstbedienungsladen ist". Und wo die Natur versagt, winkt Amerika: "Hier oben sind die USA, da kriegen wir Essensmarken, Arbeitslosengeld, Sozialhilfe, genau wie sonst überall."Was konstruiert wirken könnte, gerät unter der wortmächtigen Fabulierkunst von Boyle und der gewohnt souveränen Übersetzung von Werner Richter zum prallen Abenteuerroman samt Gesellschaftsutopie. So verschieden Hippie-Kommune und einsames Trapperpaar auf den ersten Blick auch sein mögen, sie leben beide aus dem "Traum eines neuen Anfangs, etwas ganz von vorn und aus dem Nichts aufzubauen, wie die Pioniere", oder anders gesagt: "Wie die original Hippies, wie unsere irren Urgroßväter und Urgroßmütter." Beide wollen weg von einer Gesellschaft, die auf den Untergang zusteuert, und beide kommen nicht davon los, weder im Abbild noch in der Wirklichkeit. Als Sess einen Bären erschießt, der im Vorgarten wildert, sind die Hippies geschockt: "Was, ihr eßt tatsächlich Bären? So was wie Pu der Bär? Meister Petz? Yogi Bär? Smokey the Bear?" Doch auch die autarken Waldläufer brauchen ihre zivilisatorische Rückversicherung. Er seinen Außenbordmotor, die Kettensäge, die Bohrmaschine; sie eine Uhr, den Kalender, ein Thermometer, um die besinnungslose Abfolge der Tage und Nächte bei minus 40 Grad im Kopf zu sortieren und zu ertragen.

Nicht die Konfrontation Kommune versus Einzelgänger ist das Problem von Drop City – die Hippies sind längst Teil des amerikanischen Spiels –, Boyles Widerhaken steckt hier im Bösen, das jeden spannenden Western in Bewegung hält. In diesem Fall ist es der schwarze Lester, der mephistophelisch Gleichheit für alle einklagt und seinen Anteil am weißen weiblichen Fleisch fordert, zum anderen Joe Bosky, ehemaliger Vietnam-Kämpfer, der will, was die anderen haben – Frauen, Geld, Ärger. Sie spielen die ewigen Indianer, jenes Feindbild, das Amerika braucht, um seine Grenzen auszutesten. "Er war nicht in Stimmung zum Diskutieren. Und für demokratische Entscheidungen ebensowenig", denkt Sess Harder und lässt den Bösewicht erfrieren. "Sess kam damit klar, es war die natürliche Ordnung der Dinge…" Dieser Roman berichtet nicht davon, wie es einmal war, Drop City erzählt, wie es in Amerika immer sein wird.

Es gebe zwei Sorten von Geschichten, meint T. C. Boyle, "entweder kommt ein Fremder in die Stadt, oder jemand geht auf Reisen". Keine Frage, welchen Typus er bevorzugt, die mitteleuropäische Nabelschau ist ihm fremd. Seit Grün ist die Hoffnung von 1984 ist er in Amerika unterwegs, vom Schicksal holländischer Siedler in World’s End über den japanischen Samurai von Savannah bis zu Riven Rock in Kalifornien. Was ihm lange Zeit aber Anlass zu aberwitzigen Konstrukten voller skurriler Überzeichnung und sich überschlagender Metaphorik war, ist hier – mit América , 1995 begann es – einem ernsteren Tonfall gewichen. Er klingt wie ein Pessimist, der ans Gute glauben will und es ständig in Abrede stellt, um nicht enttäuscht zu werden, wie ein Moralist, dessen schwarzer Humor ihn davor bewahrt, als Weltverbesserer entlarvt zu werden.