Je älter er wurde, desto schwärzerer Pessimismus ergriff ihn angesichts der illiberalen Zustände im Deutschen Kaiserreich. "Auf meinem Grabe soll weder ein Bild noch ein Wort, nicht einmal mein Name stehen, denn ich will von dieser Nation ohne Rückgrat persönlich so bald wie möglich vergessen sein und betrachte es nicht als Ehre, in ihrem Gedächtnis zu bleiben", schrieb der damals 67-Jährige im Mai 1885 an seine Frau.

Die "Nation ohne Rückgrat" hat ihm diesen Gefallen nicht getan. Theodor Mommsen, der große Altertumswissenschaftler, lebt im Gedächtnis der Deutschen fort wie kein zweiter Gelehrter des 19. Jahrhunderts. Davon zeugen auch die vielen Veranstaltungen zu seinem 100. Todestag am 1. November. Im Akademiegebäude am Berliner Gendarmenmarkt findet (vom 6. bis 8. November) ein hochrangig besetztes internationales Symposium statt. Im Varusschlachtmuseum bei Kalkriese ist ihm eine Ausstellung gewidmet. Das Christianeum in Hamburg-Othmarschen ehrt seinen berühmtesten Schüler mit einer Gedenktafel. Und im Verlag C. H. Beck ist eine vorzügliche neue Biografie aus der Feder des jungen Althistorikers Stefan Rebenich erschienen.

Was macht die anhaltende Faszination aus? Da ist zum einen der Verfasser der grandiosen, wenngleich unvollendeten Römischen Geschichte (1854 bis 1856), für die er fast ein halbes Jahrhundert später, 1902, den Literaturnobelpreis erhielt. Für Mommsen war Geschichtsschreibung eine Kunst. Er schrieb – ganz gegen das Rankesche Diktum – cum ira et studio und scheute dabei auch vor kräftigen Aktualisierungen nicht zurück. Unter der Hand geriet ihm die Geschichte der römischen Republik so zu einem Spiegelbild seiner Zeit, und gerade dies wurde (und wird) vom gebildeten Publikum goutiert.

Da ist zum anderen der kämpferische, liberale Achtundvierziger, der für seine Überzeugungen manches Opfer bringen musste (unter anderem ein mehrjähriges Exil in Zürich), ohne ihnen jemals untreu zu werden. Wissenschaftliches und politisches Engagement waren für Mommsen zwei Seiten einer Medaille, und er bezeichnete es einmal als den "schlimmsten aller Fehler, wenn man den Rock des Bürgers auszieht, um den gelehrten Schlafrock nicht zu kompromittieren". Gegen Bismarck verteidigte er den Anspruch des selbstbewussten, den Idealen von 1848 verpflichteten Citoyen, und mutig trat er seinem Berliner Kollegen Heinrich von Treitschke entgegen, als dieser sich 1879 zum akademischen Wortführer des Antisemitismus machte. Dass auch er selbst nicht ganz frei war von manchen Vorurteilen gegen Juden, steht auf einem anderen Blatt (siehe dazu Seite 55).

Theodor Mommsen starb verbittert, im Bewusstsein, "trotz aller äußeren Erfolge nichts Rechtes erreicht zu haben". Wüsste er, wie vielfältig sein Werk weiterlebt, auch in Gestalt seiner beiden Urenkel Hans und Wolfgang Mommsen – es würde ihn vielleicht doch erfreuen.