Die großeSehnsucht nach Vorbildern   (siehe auch Alice Schwarzers Text ) führt zu immer neuen Versuchen, die Idole in Ranglisten zu sortieren. Bei einer vergangene Woche im "stern" veröffentlichten Umfrage landeten ganz weit vorn, noch weit vor Jesus und sogar Günther Jauch: Mutter (Platz 1) und Vater (Platz 3). Woran aber sollen sich die Lebenswegweiser ihrerseits orientieren? Vielleicht an einem Ethikrat.

Muttermühen sind zu Recht sprichwörtlich geworden. Spätestens seit sich gewisse zivilisatorische Grundregeln durchgesetzt haben, ist es aber auch für Väter kein reines Vergnügen mehr, Kinder in die Welt zu setzen. Die Erzeuger werden in die Pflicht genommen, sie tragen die Verantwortung für Nahrung und Kleidung ihrer Sprösslinge, neuerdings auch fürs Windelwechseln und für das rechtzeitige Anmelden beim Kindergarten. Aber nicht genug damit. Wie der stern vorige Woche enthüllt hat, sind Eltern zudem noch die wichtigsten Vorbilder. Wem eifern wir nach? Zu wem schauen wir auf?, wurde gefragt. Und für 35 Prozent von 557 Deutschen ist die eigene Mutter ein Leitbild. Damit nimmt sie den ersten Platz ein. Ihr folgen Mutter Theresa und, drittplaziert, der Vater (32,5 Prozent). Eine illustre Reihe schließt sich an (unter anderem Mandela und Einstein), bevor dann Jesus mit 26,9 Prozent Platz 10 erreicht. Die weitere Folge birgt noch manche Pikanterie, zum Beispiel dass Che Guevara und der Papst mit etwa 9 Prozent fast ranggleich sind, während selbst Fidel Castro (4,2 Prozent) noch eine Zigarrenlänge vor Gerhard Schröder (4Prozent) liegt.

So verführerisch es ist, über diese Rangfolge nachzudenken, der Ethikrat muss zur Sache kommen: Vorbilder brauchen dringend guten Rat. Sie können positive Leitbilder sein, prägen aber leider auch mit ihren Lastern und Schwächen. Der römische Dichter Terentius erzählt von einem jungen Mann, der sich Jupiter als Vorbild wählte. (Ausgerechnet! Der Ethikrat hätte ihn davor gewarnt!) Ihm wollte der junge Mann in allen Dingen nacheifern – "Und ich, das schwache Erdenkind, sollte das nicht auch tun?", soll er ausgerufen haben. Wir wollen nicht wissen, was weiter aus ihm geworden ist. Auch nicht, was die 0,7 Prozent so tun, für die Daniel Küblböck ein Vorbild ist. Der Torheit des Menschen ist eben auch bei der Auswahl von Vorbildern keine Grenze gesetzt. Es gibt wohl keinen Narren, der nicht noch einen größeren Narren fände, den er bewundern könnte.

Was uns als wichtig, sinnvoll und erstrebenswert erscheint, folgern wir in der Regel nicht gedankenvoll aus Prinzipien, sondern wir schauen es bei anderen ab. Manchmal sogar gegen unseren Willen ("Jetzt rede ich schon genauso wie meine Mutter!").

Zweierlei folgt daraus. Einmal für uns alle, dass wir uns der Bedeutung und Unverzichtbarkeit von Vorbildern bewusst werden. Wenn wir dann begriffen haben, dass wir keine reinen Vernunftwesen sind, sondern vor allem Nachmacher, können wir die von sich aus etwas schwächliche Vernunft dazu nutzen, sorgsam gute Vorbilder zu wählen. Eine Art Selbstüberlistung um der guten Sache willen ist nötig. "Stell dir ein Muster und Vorbild auf, und lebe ihm nach", so heißt es darum auch bei dem Stoiker Epiktet (0 Prozent) in seinem Handbüchlein der Moral, "sowohl wenn du allein bist, als wenn du unter die Leute kommst".

Zum anderen folgt eine große Verantwortung für alle Eltern. Sie müssen an sich arbeiten, so schwer es auch ist. Goethe (15,5 Prozent): "Jeder gebildete Mensch weiß, wie sehr er an sich und anderen mit einer gewissen Rohheit zu kämpfen hat." Eltern sollten so etwas sein wie der kategorische Imperativ auf Füßen, dazu einfühlsam, liebevoll und gebildet, voller Witz und Verstand sowie umsichtig im Straßenverkehr und bei Geldanlagen – kurz, mit den Gaben gesegnet, von denen wir uns wünschen, dass die nächste Generation sie nachahmt. Das gäbe einen "Ruck" (Roman Herzog, 7,9 Prozent)!

CHRISTIAN ILLIES