Jetzt, wo die Tage kürzer, Wege und Straßen in diffuses Licht getaucht werden, rücken sie besonders gern aus: die Hundebesitzer mit ihren extralangen Leinen. Zugegeben: Es gibt welche, die wollen wirklich nur mit ihrem Hund spazieren gehen. Doch vielen bereitet es teuflisches Vergnügen, auf der linken Seite des Bürgersteigs stehen zu bleiben, ihren angeleinten Dackel zum Schnüffeln auf die rechte Seite zu schicken und, scheinbar in ein Schaufenster guckend, zu beobachten, wie erschrockene Passanten über die gespannte Leine hürdenspringen. Manche dressieren ihren Pudel darauf, Spaziergänger im Park samt Leine mehrfach zu umrunden und so zu fußfesseln (angesichts der Rentenstagnation womöglich eine Vorübung zur Lösegelderpressung). Wie bringt man Leinenfallensteller von ihrem Treiben ab? Wer die Polizei zu Hilfe ruft, macht sich lächerlich (es sei denn, er provoziert den Dackel so, dass der ihm den Schenkel zerfleischt). Doch manche klassische Empfehlung der Freunde und Helfer für Notsituationen kann trotzdem hilfreich sein.

Bleiben Sie gelassen! Wenn Sie stürzen, versuchen Sie, sich abzufangen. Wären Sie fast gestürzt, unterdrücken Sie den Impuls, dem fetten kleinen Kotschnüffler samt Besitzerin Schmerz mit Schmerz zu vergelten: Sie würden nur Tierschutzverein und Boulevardpresse gegen sich aufbringen ("Irrer Hundehasser tritt grundlos auf Waldi (9) und Frauchen (59) ein").

Rechnen Sie nicht mit einer Entschuldigung! Vor allem in großen Städten wird der Hundehalter Sie so teilnahmslos anstarren, als seien Sie Bärbel Schäfer am Nachmittag. Durchbrechen Sie die Anonymität, sprechen Sie ihn ruhig, aber bestimmt an ("Ich bin über Ihre Leine gestürzt. Ich habe mir weh getan, und meine Bioeier sind kaputt. Sehen Sie!"). Langleinenbesitzer haben ihre eigene Art zu reagieren: "Passen Sie doch auf, wo Sie hintreten!", "Waldi, hat dir der böse Mann etwas getan?" Bleiben Sie bei Ihrer Position: verbindlich im Ton, hart in der Sache. Richtig abgebrühte Langleiner wird das wenig beeindrucken ("Lassen Sie meinen armen Hund in Ruhe, Sie Strolch!", "Schnauze, sonst Fresse!").

Wenn Sie nun klein beigeben, neue Eier kaufen und Ihre Hände verpflastern, wird der Hundemann oder die Hundefrau feixend nach Hause trotten, eine Kerbe in den Küchentisch ritzen und abends am Langleinenstammtisch erzählen, wie schön Sie gestolpert sind. Und wird Ihnen am nächsten Tag wieder auflauern (ständig neue Pflaster und Bioeier gehen ins Geld).

Stellen Sie also Öffentlichkeit her. Sprechen Sie Passanten an, die vermutlich längst einen Kreis um Sie gebildet haben, und bitten Sie um Hilfe (verstärken Sie Ihre Verletzungen gegebenenfalls unauffällig durch eine in der Manteltasche mitgeführte Tube Ketchup). Selbst hart gesottene Langleineneigner kapitulieren vor einer moralisch empörten Übermacht und sind bereit, Schadenersatzansprüchen nachzukommen sowie vor Zeugen eine sofortige Verzichtserklärung abzugeben. Möglicherweise hasten die Passanten aber auch weiter, froh, dass nicht sie gestürzt sind (oder weil sie selbst lange Leinen besitzen). Wechseln Sie in so einem Fall die Strategie. Legen Sie Ihrem Gegner den Arm um die Schulter, und raunen Sie heiser: "So eine lange Leine. Da können Sie ja gar nichts tun, wenn jemand Ihren kleinen Liebling einfach losmacht. Ach ja, ich liebe Hunde. Ich kenne da ein leckeres Rezept aus Thailand."

Man wird dankbar sein, wenn Sie mit Ihrem Messer nur die Leine kürzen.

MARK SPÖRRLE