Porzellanfrauen mit einwandfreien Brüsten, Silberlöffel von Robbe&Berking, Suppenteller von Herend – im Foyer stellt das KaDeWe aus, was Lebensart ist. Theatralisch geschminkte Verkäuferinnen warten, den Puderpinsel in der Hand, auf Kundinnen mit Zeit und Geld. Gleich neben der Parfümerie-Abteilung, hinter den sieben Bergen von Konfektschachteln und Bonbonnieren, liegt das Wiener Café. Stühlchen, Tischchen, Spiegelchen. Törtchen, süß wie in Marokko. Jeder Platz besetzt, bei mir ist noch was frei. Gestatten Sie? Die Frau ist groß und blond und frisch wie ein Duschbad aus Tannennadeln, unter der weichen Lederjacke trägt sie Jeans und ein eng anliegendes T-Shirt. Wenn sie lächelt, entdeckt sich ein sanft geschwungener Überbiss. Sie wird meine Bekanntschaft, es ist Donnerstagnachmittag, die Blätter fallen von den Bäumen.

Rita Schäffler ist Lehrerin, Deutsch und Geschichte, 7. bis 10. Klasse, Gesamtschule. Sie kam als Studentin in den siebziger Jahren aus Hanau nach Berlin. Als sie 30 war, hat sie ihren Mann kennen gelernt. Kaiserschmarren bestellt sie sich und eine Cola light. Ins Café kann man als Frau alleine gehen, im Restaurant fühle ich mich immer beobachtet, sagt Rita Schäffler. Seit dreieinhalb Jahren lebt sie von ihrem Mann getrennt: Wir konnten nicht miteinander reden. Aber ich hab ja meinen Sohn, Nils, der ist 16, der ist wunderbar, wir gehen zusammen ins Fitness-Studio. Der ist gut erzogen, sagt sie lachend, der ist groß und dünn, hat braune Haare, die stehen vorn hoch, da macht er Gel rein. Der raucht nicht, der trinkt nicht, aber er trägt solche Hosen, wo man immer denkt, die rutschen im nächsten Moment vom Hintern, wie alle Jungs, man soll die Unterhosen sehen, Tom Tailor muss draufstehen.

Am Nebentisch das Pärchen sieht aus wie im Märchen, alt, betucht und glücklich. Er mit grauem Oberlippenbärtchen, sie mit kunstvoll hochgestecktem Silberhaar und kariertem Faltenrock, KaDeWe-Kunden wie aus dem Bilderbuch, die Schlagzeile Rentner müssen bluten betrifft andere. 250 Euro koste die Karte für die Silvesterfeier "im 7. Himmel der Feinschmecker-Etage" des größten Warenhauses auf dem europäischen Kontinent, ist im hauseigenen Magazin zu lesen. Das Kapital fesselt die Demokratie, schreit ein Desperado draußen auf dem Wittenbergplatz. Noch eine Melange? fragt drinnen im Café die Serviererin Rausch. Seit 17 Jahren balanciert sie die Torten über die Treppchen, sie trägt ihre Krampfadern an den Waden so souverän wie die Strasskämmchen im Haar. Unter den Marmortischen jaulen kleine Hunde.

Der Kaiserschmarren ist aus der Tüte, bemerkt Frau Schäffler. Was ist Ihnen wichtig, heute, in diesem Moment? Ihr Lächeln bleibt stehen. Zwischen die Kaiserschmarren, die dänischen Nusstorten und schwedischen Miniplunder fallen die Wörter Mammografie, Chemotherapie, Perücke, Angst. Heute vor einem Jahr bin ich an der Brust operiert worden. "Sie haben Krebs" – das ist der Satz gewesen, der unfassbare Satz. Danach bin ich zum Friseur gegangen, dann ins Kino, der Satz blieb, er blieb einfach. Nun geht es mir wieder gut – ihr Lächeln bewegt sich. Bevor sie ins Café kam, hat sie eine kleine weiße Teekanne aus Porzellan gekauft, für die Nachmittage, wenn sie Hefte korrigiert. Ein neuer Mann? Er müsste groß sein, kleiner auf keinen Fall, er sollte das Leben nicht so schwer nehmen. Und reden können müsste ich mit ihm. Gestern hat sich Frau Schäffler Casablanca angesehen, den Liebesfilm, auf Video.