Am vorigen Donnerstag hat das Kuratorium der Stiftung "Denkmal für die ermordeten Juden Europas" die Aufstellung der Stelen für das Berliner Holocaust-Mahnmal gestoppt. Sie sollten mit dem Graffitischutz Protectosil beschichtet werden. Es ist von der Firma Degussa entwickelt worden. Eine ihrer Tochterfirmen hatte Zyklon B für die Gaskammern der Vernichtungslager geliefert. Deshalb wurde Degussa sechzig Jahre später disqualifiziert.

Mit Warnungen vor Nazi-Schmierereien hatte einst der Regierende Bürgermeister von Berlin, Eberhard Diepgen, das Projekt zu verhindern versucht. Schön sollte das Denkmal sein, taktvoll und unanstößig – wenn schon nicht unsichtbar. Doch dass es keinen politisch korrekten architektonischen Gestus passend zur Schoah geben konnte, wurde schließlich den meisten klar. So schien es. Jetzt beginnt die Debatte von neuem.

Die heftigsten Argumente gegen die Verwendung des Degussa-Produkts stammten von Alexander Brenner, dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Paul Spiegel hingegen, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, war anderer Meinung als Brenner. Die Risse, die von Anfang an durch die jüdischen Gemeinden angesichts des Mahnmal-Projekts liefen, sind nicht verschwunden. Seine Initiatorin Lea Rosh wollte die Gelegenheit nicht verstreichen lassen, ihre Interpretationshoheit auszustellen: "Wo will man heute die Grenze ziehen? Wir kamen zu der Auffassung, die Grenze ist ganz klar Zyklon B." Wollte Degussa allerdings kostenlos liefern, so Rosh im Kuratorium, könne man sich die Sache noch überlegen.

Soll ein degussafreies Mahnmal also doch einer repräsentativen Entsorgung deutscher Vergangenheit dienen? Ein künstlerisch einwandfreies Stelenfeld, in dem kein einziger Stein, noch nicht einmal seine Beschichtung ahnen ließe, dass unsere Geschichte zwar ein Kontinuum ist, aber doch markante Brüche aufweist? Einer dieser Brüche liegt im Jahr 1945, ein anderer in den Auschwitz-Prozessen und noch einer in dem Aufbau des Fonds für die Opfer nationalsozialistischer Zwangsarbeit.

Die Geschäftsführung von Degussa spielte bei der Stiftung des Fonds eine vor- bildliche Rolle. Sie hat sich zur historischen Verantwortung ihrer Firma bekannt. Ihren Mitarbeitern signalisiert der Entschluss des Mahnmal-Kuratoriums allerdings: Ihr seid die Alten, ihr steht für Zyklon B.

Die Argumente des Kuratoriums sind ein Echo jener moralischen Überlegenheitsrhetorik, die vor Jahrzehnten die politischen Schuld-Diskussionen Deutschlands begleiteten. Es stimmte ja: Ohne Ausgrenzungen der Älteren kam die Nachkriegsgeneration so lange nicht aus, solange viele Schreibtischtäter noch lebten und leugneten, noch Recht sprachen, schon wieder Uniformen trugen oder auf ihren Lehrstühlen saßen. Doch die schlimmsten Täter sind inzwischen dem "Volk der Täter" (Lea Rosh) weggestorben. Tot sind sie wie die völkische Ideologie hinter diesem törichten Begriff. Zum Volk zählen auch die deutschen Juden.

Nach vier Jahrzehnten intensiver Forschung, nach vielen Holocaust-Filmen und -Büchern kann den Deutschen niemand vorwerfen, in Geschichtsvergessenheit zu verharren. Doch die überraschende Schuldübertragung auf industrielle Produkte oder auf Firmennamen dient einem neuen Rollenspiel. Manche Ankläger und Geschichtsaufklärer verwandelten sich im Lauf der Zeit in Darsteller der eigenen Rechtschaffenheit, ja, sie schlüpften in eine Opferrolle. An ihrer Spitze stand Lea Rosh. Als ihren Mahnmal-Plänen publizistischer Widerstand begegnete, klagte sie: "So muss es gewesen sein, zwischen 1933 und 1945 als Jude, als Homosexueller." Nein, so war es wirklich nicht.

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