Es gibt Unternehmer, die an der Schwelle historischer Entwicklungen wirken. Die den Geist ihrer Zeit nicht nur erfassen, sondern es verstehen, ihn zu nutzen und somit als Katalysator für weitreichende Veränderungen dienen. So ein Unternehmer war der Journalist Alfred Harmsworth (1865 bis 1922), seit seiner Erhebung in den Adelsstand 1905 der Nachwelt besser bekannt als Lord Northcliffe. Zunächst veränderte er das britische Zeitungswesen grundlegend, dann stieg er zum größten Zeitungsverleger des Landes auf.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts stand das Weltreich von Königin Victoria in seinem Zenit. Großbritannien beherrschte den Welthandel, und nach der industriellen Revolution folgte die soziale. Nicht nur eine neue Arbeiterklasse war entstanden, sondern auch eine bürgerliche Mittelschicht. Sie war gebildet, hatte das Wahlrecht und war besessen von der Idee des technischen Fortschritts. Vor allem aber strotzte sie vor Wohlstand und Selbstbewusstsein und bot damit ein enormes wirtschaftliches Potenzial. Sie wollte ihre Häuser schick einrichten, die neueste Mode tragen und in ihrer Freizeit unterhalten werden. Alfred Harmsworth war ein Kind genau dieser gebildeten Massen. Er schuf eine Zeitung, die genau ihren Bedürfnissen entsprach – und definierte damit den Markt um. Zeitungen waren nicht mehr nur eine intellektuelle Plattform der Herrschenden, sondern für die politisch emanzipierten, neugierigen Bürger da. Das sollte vor allem für Harmsworths bekanntestes Unterhaltungs- und Informationsprodukt gelten, die Daily Mail.

Die Geschichte begann 1881. Der Junge Alfred, gerade 16 Jahre alt, entschied sich, Journalist zu werden. Harmsworth hatte sich bereits bei der Schülerzeitung versucht und fand dann seinen ersten Job bei einem Fahrradmagazin namens Wheel of Life.

Harmsworth war nicht der Mann, der für andere arbeitete. Sein Lehrer fand ihn "etwas verwirrend", erkannte in ihm aber eine natürliche Führungspersönlichkeit. In seinem Zeitungsimperium war er später als "der Chef" bekannt – so unterschrieb er auch alle Papiere. Er gründete bereits mit 22 Jahren seine erste eigene Zeitung: Answers to Correspondents on Every Subject Under the Sun – bald verkürzt auf Answers (Antworten). Sie war eine wöchentliche Sammlung von Fakten und Statistiken für die neugierige neue Mittelschicht. Auf jede Leserfrage gab es eine schriftliche Antwort, die Korrespondenz erschien im Blatt. Die Verleger in der Londoner Fleet Street schauten nur kurz auf, als Harmsworth auftauchte – sie glaubten nicht an seinen Erfolg.

Tatsächlich war der Anfang beschwerlich. Es war das Jahr 1888, und London erlebte nicht nur einen strengen Winter, die Stadt wurde auch vom Serienmörder Jack the Ripper heimgesucht. Die Londoner blieben lieber zu Hause und kauften daher keine Zeitungen. Zweierlei rettete das Projekt: die Attraktivität von Preisausschreiben und das familieneigene Finanzgenie.

Harold Harmsworth, Alfreds jüngerer Bruder, war genau die Managernatur, die das Blatt brauchte. Er besaß das Zahlen- und Organisationstalent, das seinem Bruder nicht gegeben war. Der hatte dafür die guten Ideen – zum Beispiel, wie man die Vorliebe der Leser für Rätselspiele und Preisausschreiben nutzen konnte. Im Oktober 1889 verkündeten die Answers- Werbeposter "das gigantischste Preisausschreiben, das die Welt je gesehen hat". Der Preis: ein Pfund pro Woche bis ans Lebensende. Die Idee hatten die Brüder von einem Obdachlosen aufgeschnappt, über den sie am Ufer der Themse gestolpert waren. Die Frage lautete: Wie viele Goldmünzen besitzt die Bank of England am 4. Dezember? Die Beteiligung war überwältigend. Über 700000 Einsendungen erreichten die Redaktion. Jeder der Teilnehmer musste sich seine Identität durch fünf Personen bestätigen lassen – entsprechend hoch war der Werbeeffekt.

Die Auflage des Blattes schoss empor. Gewinner war ein Soldat, der im Landesvermessungsamt arbeitete, seinen Traum von der Lebensrente indes nicht lange ausleben konnte. Er starb schon acht Jahre später. Die Harmsworth-Brüder gaben seiner Witwe 50 Pfund und kamen so mit einem Preisgeld von nicht einmal 500 Pfund (nach heutigem Geldwert etwa 40000 Euro) davon – nicht schlecht für einen der erfolgreichsten Werbecoups aller Zeiten. 1892 überstieg die Auflage erstmals die Millionengrenze.

Der Erfolg von Answers war dem ehrgeizigen Harmsworth nicht genug. 1894 investierte er 25000 Pfund in die Evening News, eine verlustreiche Londoner Tageszeitung. Zuerst verlieh Harmsworth dem Blatt ein neues, amerikanisches Gesicht. Mit reißerischen Überschriften in fett gedruckten Lettern lockte er die Käufer. Selbstmord oder Schlaganfall?, Hypnose und Wahnsinn! Der Parteiführer der Konservativen, Lord Salisbury, sagte einmal über die Evening News, sie sei "eine Zeitung für Leute, die lesen können, aber nicht denken". Wahrscheinlich hatte er Recht, aber die Leser waren begeistert, die Werbeeinnahmen stimmten, und das Blatt machte bald satte Gewinne – ein weiterer Schritt auf dem Weg zu Harmsworths ultimativem Ziel: der Gründung einer erfolgreichen nationalen Tageszeitung.