Die Nacht vor dem "Tag des Jahres" ist schlimm. Um drei Uhr früh treiben die Schmerzen Kjell, 44, in die Senkrechte. Und die verbleibenden Stunden hindurch bis zur Dämmerung hindert ihn eine innere Unruhe am Wiedereinschlafen. Oder ist es das mitfühlende Winseln des Hundes?

Der ehemalige Bauzimmermann, dem vor acht Jahren ein umstürzendes Gerüst Wirbelsäule und Becken lädiert hat, ist auf starke Schmerzmittel angewiesen. Vor drei Tagen, rund 72 Stunden vor Beginn der Elchjagdsaison, hat er seine tägliche Normaldosis halbiert, nur um sie dann draußen, hinter dem Hund, stark erhöhen zu können. Das wird bitter nötig werden. Wenn sich Elchhund Rino mit der Kraft eines Schlittenhundes ins Geschirr legt, mit diesem Alles-oder-nichts-Ungestüm, kann dem auch ein gesunder Männerrücken nur mit Mühe standhalten. Aber egal! Solange er Zähne hat, wird Kjell sie zusammenbeißen.

Der 3. Oktober ist der wichtigste Tag des Jahres; heute beginnt nordöstlich von Elverum in Norwegens Kiefern-Mischwäldern die Jagdsaison auf Elche. Die Zeit grüner (Elch-)Witwen bricht an. Die Wochen verwaister, weil entmännerter Ämter beginnen – mit liegen gebliebenen Anträgen und personellen Engpässen. Verständige Ärzte werden wieder nicken und die seltsamsten Befunde ausstellen für all die Elchjagd-Infizierten, die keinen Jahresurlaub mehr haben. Leitartikler in allen lokalen, regionalen und überregionalen Blättern und Sendern greifen wieder zur großen Metaphernschleuder. Zigtausend Tiefkühltruhen – umsichtig und fürsorglich von minderem, sperrigem Zeug befreit – harren der Dinge, die da kommen sollen. Was heißt sollen? Müssen! Mit einem Wort, in Norwegen ist der "Elgtober" angebrochen, die fünfte Jahreszeit.

Und während Kjell sich das Sternbild des Großen Jägers über der benachbarten Häuserzeile anschaut – an Schlaf ist nicht mehr zu denken! –, sitzt Øivind, ein anderer Sohn Elverums und Chef einer prosperierenden norwegisch-amerikanischen Pipelinefirma, im Linienjet von Houston, Texas, nach Oslo. Kjells Bruder, Volksschullehrer Bernt, verstaut in Vik am 400 Kilometer entfernten Sonjefjord das selbst gebraute Bier unter Munition und Lebensmitteln. Logistikfachmann und Jagdleiter Per schlägt etwa zur selben Stunde in einem Londoner Airport-Hotel auf den Wecker; der internationale Kongress für Transportwesen lag in diesem Jahr – rein elchtechnisch gesehen – verdammt spät. In Bergen, rund fünf Fahrstunden vom Ort ihrer Sehnsucht entfernt, prüfen Richter Gunnar und Freund Helge, ein international operierender Outdoor-Bekleidungsfabrikant, den Luftdruck eines gut beladenen Geländewagens. Und schon fast in Elch-Schussreichweite, am Rand des Nordre-Reviers, rüsten sich derweil die beiden Senioren des Teams. Agnar, 76, in jüngeren Jahren Skilanglauf-Crack, und Ivar (1959 Bronzemedaillengewinner des norwegischen Weltmeisterschafts-Biathlonteams) lesen die Chancen aus dem Morgenhimmel: Kaum Wind … mild … vielleicht zu mild? Das wäre dumm. Denn anders als beim brunftigen Mann drückt beim Elchbullen Frost auf die Testosteron-Einspritzpumpe. Und Elchbrunft ist Elchjagdzeit.

Alle acht – Vater Ivar mit Söhnen Kjell und Bernt, Øivind aus den USA, Gunnar und Helge aus Bergen, Jagdleiter Per und Agnar –, alle werden sie wieder da sein in der storkoia, in Pers Großhütte nordöstlich von Elverum. Wie jedes Jahr Anfang Oktober, seit mehr als 20 Jahren.

Sie sind angekommen, sie sind daheim, sie sind bei sich. Die Magie beginnt gleich am ersten Abend aufzuflackern, zeitgleich mit den Feuern in den beiden Kanonenöfen und kurz nachdem die Wände mit Schichten aus Kleidung und Gewehren verhängt und Alkohol- und Kalorienhaltiges in den Regalen verstaut sind. Die Hütte ist karg, das Holz nackt. Gutartiger Spott trifft ein Nachbarteam, das aus einer Art Luxus-Lodge heraus waidwerkt. Nein, so was betäubt nur den Nerv für das Eigentliche.

Das erste große Ritual kann beginnen, das Bestimmen der Postenkette. Øivind hat seine berühmten vergrößerten Messtischblätter ausgebreitet, in die Routinier und Altmeister Ivar die Postenkette für den ersten Einsatz einträgt: Wen stellt man exakt wohin – den Wind bedenkend, der dem Elch die Witterung von Hund und Hundeführer, keinesfalls aber die der Jäger zutragen soll? In welchem Winkel müssen Kjell und Hund Rino "den Elch" gegen die schussbereite Postenkette drücken – unterstellt, dass der Elch spurtreu bei seinen 100 Jahre alten Wechseln (Wanderwegen) bleibt? Welchem Teammitglied kann man am ehesten den anspruchsvollsten Posten zutrauen, wo zwei Waldschneisen auf ein buchten- und inselreiches Flachmoor zulaufen und der Jäger drei, vier Richtungen gleichzeitig im Auge haben muss?

Øivind hat 20 Jahre lang Aufzeichnungen gesammelt: Wann wurde bei welchem Wind und welchen Temperaturen, bei welchem Feuchtigkeitsgrad und welchem Postenverteilungsmuster wo wie viel und was geschossen? Irgendwann – vielleicht wenn es mal eine unerwartete Baisse auf dem internationalen Pipelinemarkt zulässt – wird er all das seinem Computer vorkauen und einfüttern. Und das, obwohl er ja eigentlich das Ergebnis kennt: Jagd ist Jagd. Die Ausnahme ist die Regel. Das Unerwartete darf man getrost als verlässliche Größe erwarten.