Der Friedhof streckt sich bis zum Horizont, hier und da ein Grabstein im trüben Winterlicht, ungepflegt und verwittert. Vor unseren Füßen ein Erdhaufen, ein Spaten, ein Regenwürmchen, ein frisch ausgehobenes Grab, aus dessen Tiefen es verwunschen leuchtet. Wir sehen rote Seeanemonen und Seesterne, eine tropische Unterwasserpracht, die ganz greifbar und real wirkt und doch unerklärt und unerklärlich bleibt.

Vielleicht ist dies Fotorätsel des Künstlers Jeff Wall ja eine Art Aufforderung, endlich die Grasnarbe der fahlen Gegenwart abzuziehen, ins Unbekannte vorzudringen, den Blick freizumachen für das Unerhoffte. Vielleicht ist das Bild auch ein Appell, wieder an die Kunst zu glauben, an ihre hellseherischen Blicke, an ihre über- und unterweltliche Macht. Für gewöhnlich neigt Wall nicht zu derlei Bekenntniskunst, dennoch kommt einem dies Foto so vor, zumindest hier in Athen, auf der gerade eröffneten Großausstellung namens Outlook. Nichts lässt sie unversucht, den Glauben an die Künste wiederzuerwecken. Und selbst Jeff Wall wird zum Apostel.

Gehört Athen zu Europa?

Outlook ist so etwas wie das ideologische Herzstück der "Kulturellen Olympiade", einer groß angelegten Veranstaltungsreihe, die den Geist der Spiele im kommenden Sommer beschwört und ihre Grundwerte neu ausrichten will. Die reichlich lädierten Ideale des Sports – der Frieden, der Austausch, der faire Wettkampf – sollen anschaulich und wieder glaubwürdig werden. Die Kunst soll, so der hehre Anspruch, die Jagd nach Weltrekorden umdeuten in einen Drang zur Welterkenntnis.

Natürlich kann eine solche Ausstellung nur scheitern, sie muss zusammenbrechen unter der Last der Erwartung. Dennoch ist von Zagen und Zaudern nichts zu spüren. Unerschrocken wird noch einmal der Mythos der Avantgarde hervorgekramt, man will, wie es im Pressetext heißt, eine "Begegnung mit dem Anderen" ermöglichen und preist das Neue als Kraft der Erneuerung.

Den Anfang macht gleichwohl das Gealterte, eine Installation von Joseph Beuys mit lauter schwarzen Schultafeln, auf denen in zarten Kreidelettern lauter verklausulierte Theorien des großen Auguren stehen. Die Kunst wird zur "einzig evolutionär-revolutionären Kraft" erkoren, zum Medium einer unergründlichen Wahrheit, deren Geheimnisse es produktiv zu machen gelte. Gleich auf der Wand gegenüber scheint tatsächlich etwas von dieser Geheimkraft hervorzubrechen. Auf einem Bild des Künstlers Neo Rauch entfährt ein rotes Untier dem Erdboden, stramm wie ein angespannter Riesenmuskel, die Dino-Zähne böse fletschend. Ein Mann mit Mütze hält das Tier an der Vorderkralle, ganz entspannt und lässig, in der Linken eine Zigarette – als wollte er jener ängstlich dreinblickenden Frau imponieren, die von links die Szene betritt, an der Leine einen aufgebrachten Kampfpudel. Es ist eine bizarre Begegnung, ein Traumbild, in dem das Nichtgezügelte sich ganz selbstverständlich ins Normale fügt.

Noch ein drittes Mal tritt uns das Ungestüme entgegen, im Zeichentrickfilm der amerikanischen Künstlerin Jennifer Pastor. Mit wenigen Strichen hat sie einen Stierkampf auf die Leinwand gebracht – oder besser einen Stiertanz. Das gewaltige Tier buckelt, kreist, bäumt sich auf, um den Cowboy, der ihm im Nacken sitzt, abzuschütteln. Doch der lässt sich nicht loswerden. Und immer, wenn man meint, nun müsste er aber stürzen, fängt er sich gleich mit großer Eleganz, ist ganz eins mit dem zuckenden Stierleib, unlösbar verbunden mit der Urmacht.

Um solche Urmächte, um einen Zugriff auf das Unverbildete und Absolute geht es Christos Joachimides, der diese Ausstellung inszeniert hat. Geboren in Griechenland, hat er den größten Teil seines Lebens in Berlin verbracht und wurde dort bekannt als Maestro der Künste, der mit großen Titeln (Metropolis, Zeitgeist) ein noch größeres Publikum lockte. Auch seine Outlook- Vision hatte er ursprünglich in Berlin zeigen wollen, doch offenbar fand die Stadt nicht die nötigen Millionen. Athen hingegen empfing Joachimides mit offenen Armen – wie einen Kunstmissionar, der den Wilden zeigt, was der Westen vermag. Und der dem Westen beweist, dass bei den Wilden die Kunst zu sich selbst kommt.