Die Politikwissenschaftler träumen genau wie die Philosophen davon, ihre Zeit in Gedanken zu fassen. Leider kommt es recht selten vor, dass die Zeit sich in ihren Gedanken wiedererkennt. Herfried Münkler ist einer dieser seltenen Fälle passiert.

Münkler lehrt Theorie der Politik an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er hat einen Begriff in die deutsche Debatte geworfen, der für Wissenschaft, Politik und Journalismus sehr schnell unverzichtbar geworden ist. Wir leben, sagt Münkler, im Zeitalter der "asymmetrischen Kriege". Wann immer nun der Außenminister, der Verteidigungsminister oder der Bundeskanzler erklären wollen, was die heutigen bewaffneten Konflikte von früheren unterscheidet, greifen sie auf diese Münklersche Prägung zurück. Schade, dass er keine Gebühren darauf erheben kann.

Jemanden, der über finstere Dinge wie Die neuen Kriege schreibt (so der Titel des Buchs, mit dem Münkler bekannt wurde), stellt man sich insgeheim wohl irgendwie mürrisch und pessimistisch vor. Zumal in Deutschland, wo die Kriegsforscher sich lieber "Friedensforscher" oder höchstens "Konfliktforscher" nennen, als gelte es schon im Titel das Publikum von den besten Absichten zu überzeugen. Münkler aber wirkt aufgeräumt und gut gelaunt, selbst noch, wenn er seine Schreckenspanoramen entfaltet: Wir sind, sagt er, Zeitzeugen einer weitreichenden Entstaatlichung des Krieges. Anders gesagt: einer Privatisierung des Krieges. Die Gestalten, in denen sich dieser neue, privatisierte Krieg verdichtet, sind der Söldner, der Kindersoldat, der Warlord und der international vernetzte Terrorist.

Feinde ohne Uniform und Orden

Herfried Münkler ist 52 Jahre alt und – vollbärtig, mit leicht ergrauten Haaren und Nickelbrille – äußerlich perfekt geeignet, einen deutschen Professor darzustellen. Er ist auch sicher nicht uneitel und genießt seinen Erfolg und seine Bekanntheit ohne jeden Zweifel. Münkler belehrt und predigt aber nicht, sondern vermag seine Thesen ohne große Überwindung in klaren Worten darzustellen. Er legt es aufs Gespräch an. Unter vier Augen mit ihm in seinem eher schmucklosen Büro an der Universitätsstraße findet man sich in einen Debattierzirkel versetzt, in dem Professor Münkler zur Not eben gleich mehrere Gegenstandpunkte mit übernimmt.

Wir waren es bisher gewohnt, sagt Münkler, Kriege als bewaffnete Auseinandersetzung zwischen Staaten oder Blöcken zu begreifen, also zwischen Akteuren, die sich als gleichwertig betrachten und in einer Art Duellsituation gegenüberstehen. Natürlich war das immer eine idealtypische Vorstellung. Aber Ereignisse wie die Balkankriege, der Völkermord in Ruanda und zuletzt die Attentate des internationalen Dschihad-Terrorismus haben sie obsolet gemacht. Die Ausstattung unserer Armeen, das Völkerrecht und die strategische Planung waren und sind jedoch weiterhin auf symmetrische Konflikte eingestellt. Herfried Münkler hat als einer der ersten Politologen hierzulande begriffen, dass unsere althergebrachten Vorstellungen vom Krieg untauglich geworden sind.

Nun suchen sie alle seinen Rat. Der Professor hat sich von einem in Fachkreisen renommierten Historiker politischer Ideen in einen der meistgefragten Politikberater verwandelt. Er ist gewissermaßen ein wandelnder Ein-Mann-Think-Tank. Wie kommt es, dass ein Spezialist für Klassiker des politischen Denkens zum Stichwortgeber für den Generalstab der Bundeswehr, den Planungsstab im Auswärtigen Amt und auch für humanitär engagierte NGOs werden konnte?

Er genießt die unverhoffte Erweiterung seines Wirkungsfeldes ungeniert. "Ich lerne selber viel, wenn ich mich mit Generälen und Politikern über meine Theorien unterhalte", sagt er. "Was ich denen zu verkünden habe, hören sie zwar meist nicht gern, aber sie wissen, dass sie umlernen müssen." Im Generalstabslehrgang der Bundeswehr hat Münkler dargelegt, dass das Militär in den neuen Konflikten immer mehr Polizei- und Geheimdienstfunktionen werde übernehmen müssen. "Ein General sagte mir dann, in einer Armee, wie ich sie skizziert hatte, würde er nicht mehr dienen wollen. Ich habe geantwortet, Generäle wie er mit seiner schönen Uniform voller Abzeichen würden darin auch nicht mehr im gleichen Maße gebraucht. Ihre Rangabzeichen sind ein Relikt aus der Epoche der symmetrischen Konflikte. Wir haben heute andere Gegner, ohne Uniform und Orden."

Herfried Münkler ist imstande, solche Frechheiten sehr verbindlich an den Mann zu bringen. Das mag ein Geheimnis seines Erfolgs sein. Die Lust an der Erkenntnis der Lage triumphiert bei ihm allemal über den Respekt vor moralischen Gefühlen und "politischen Wünschbarkeiten" (Münkler). Sein Vergnügen daran, Gesprächspartner in produktive Verwirrung zu stürzen, kann leicht diabolische Züge annehmen. Man würde sich nach manchen seiner Äußerungen nicht wundern, kleine Hörner auf dem Professorenhaupt zu entdecken und einen Huf, wo eben noch ein Schuh war. "Ich habe auch einmal mit Leuten von NGOs über die neuen Kriege debattiert. Sie wollten wissen, was ich von ihrer Arbeit halte. Ich habe ihnen gesagt, dass sie, gerade wo sie etwas für die Menschen vor Ort zu tun glauben, allzuoft nur die Herrschaft der Warlords stabilisieren."

Das ist durchaus typisch für Münklers Art, politische Probleme durchzudenken. Er interessiert sich für die bösen Folgen, die aus den besten Absichten entstehen können, und er spürt im Gegenzug auch jenen Situationen nach, in denen das Gute nur durch moralisch fragwürdige Mittel erreicht werden kann. Im Krieg ist das bekanntlich nur allzu oft der Fall.

Er ist ein Kind der friedlichen Bundesrepublik, geboren in Hessen. Zum Thema Krieg ist er nicht aus persönlicher Erfahrung gekommen. Sein Lehrer Iring Fetscher, der große liberale Historiker des Marxismus, hatte noch Fronterfahrung. Münkler aber hat sich die Frage nach der neuen Gestalt des Krieges zunächst aus der Theorie her aufgedrängt. Darin liegt heute gerade sein Vorteil.

"Friedensforschung im Kalten Krieg war hauptsächlich Raketenschach", sagt er. "Strategisches Denken gab es nicht. Die Verhinderung eines apokalyptischen Krieges stand ganz im Mittelpunkt." Münkler stürzte sich also lieber in die Geschichte des modernen Staates und des Nachdenkens über Phänomene von Ordnung und Ordnungszerfall. Er hatte schon während seines Studiums Interesse an Niccolò Machiavelli und Thomas Hobbes gefunden, beide als dunkel, pessimistisch und amoralisch verschrieene Denker der frühen Neuzeit.

Machiavelli und Hobbes sehen den Menschen als ein von Leidenschaften getriebenes Wesen, die Gesellschaft als ein Feld von unversöhnlichen Machtkonflikten und den starken Staat als Garanten von Frieden und Sicherheit. Sich in den utopiesüchtigen siebziger Jahren mit diesen Anti-Utopikern zu beschäftigen, wie es Münkler tat, bedeutete, gegen den Strom zu schwimmen. Mit 29 promovierte er über Machiavelli, mit 36 wurde er habilitiert.

Als Herfried Münkler sich dann auf verschiedene Professuren bewarb, bekam er zu hören, seine Arbeiten seien ja sehr interessant, aber er sei doch ein bisschen arg jung. Beruhigend, dass das deutsche System ihn am Ende doch nicht entmutigen konnte.

Mit 40 Jahren kam er auf seinen Lehrstuhl nach Berlin – "als erster Wessi in den Sozialwissenschaften". Politikwissenschaft hatte es im Osten nicht gegeben – wozu auch, es stand alles Wissenswerte bei Marx und Engels. Münkler hat die Pionierzeit als "große Horizonterweiterung" genossen: Wann kann man schon als Wissenschaftler der Auflösung eines Staates und dem gleichzeitigen Aufbau neuer Strukturen in Echtzeit und live zuschauen?

Heute, da der Zerfall der Staatlichkeit in weiten Teilen der Welt zum dringlichen Problem wurde, ist Münkler wie kaum ein anderer gerüstet, die Lage zu analysieren. Und zwar gerade weil er studiert hat, wie das Staatshandeln in der europäischen Geschichte langsam rationalisiert wurde. Die größten Probleme unserer Zeit entstehen nämlich durch failing states, die hinter diese Entwicklung zurückfallen – entweder als moderne Formen von Tyrannei oder als chaotische Gemeinwesen, in denen der Krieg von Banden zum Dauerzustand geworden ist.

Die Sorgen des Imperiums

Unsere Zukunft hängt davon ab, glaubt Münkler – "und das wissen nun wirklich alle seit dem 11. September" –, ob es gelingen kann, die schwarzen Löcher im Staatensystem zu stopfen und neue Strukturen staatlicher Ordnung zu schaffen. Die amerikanischen Kriege in Afghanistan und im Irak hat Münkler aus diesem Blickwinkel analysiert. Bei aller Skepsis, was die Machbarkeit angeht, glaubt Münkler doch, dass die Amerikaner hier nicht einfach ein Opfer ihrer Machtgier geworden sind oder geheime Interessen (Öl, Israel) verfolgen. An den Kriegsgrund Massenvernichtungswaffen hat er nie geglaubt, insistiert aber gegen den Mainstream der Kommentatoren, dass in diesen Kriegen wirkliche Probleme bearbeitet werden, wie sie sich einem Imperium stellen. Ein Imperium kann auf Dauer nicht damit leben, dass die arabisch-islamische Welt in einer ökonomischen und politischen Selbstblockade festsitzt, die Fundamentalismus, Terrorismus und Tyrannei begünstigt.

Imperium? Münkler spricht davon in einem wertneutralen, deskriptiven Sinn, der befremdend wirkt. Wie kann man anders als "antiimperialistisch" denken? "Die Europäer sind stolz und froh, ihre Imperien hinter sich gelassen zu haben", sagt Münkler. "Aber sie haben dabei leider auch die Fähigkeit eingebüßt, die Ordnungsleistung und Funktionsweise von Imperien zu verstehen. Das macht die Verständigung mit den Amerikanern so schwer, zumal die selbst nicht wahrhaben wollen, dass sie ein Imperium regieren."

Münkler hat ein Freisemester vor sich, in dem er seine Gedanken über das "Prinzip Empire" zu einem Buch verdichten will. "Wir müssen wieder verstehen lernen, dass sich die Welt für Imperien ganz anders darstellt als für Staaten und für seegestützte Mächte ganz anders als für landgestützte. Solche Kategorien spielen bei uns eine viel zu geringe Rolle."

Wenn er nun von den "Ordnungsleistungen" imperialer Strukturen spricht, wird man ihn da nicht als Apologeten amerikanischer Weltbeherrschungspläne abstempeln? Münkler sieht dem gelassen entgegen. "Ich sage meinen Studenten: Imperien werden nicht von Imperialisten gemacht. Sie wachsen von den einstürzenden Rändern her. Wenn man die Sache einmal so anschaut, kommt man auch mit Antiimperialisten ganz gut ins Gespräch. Gerade wer politische Alternativen aufzeigen will, muss lernen, über solche Fragen strategisch nachzudenken. Und im Übrigen liebe ich meine Studenten. Die mögen es nämlich eigentlich sehr, wenn man ihre festgefügten Meinungen herausfordert. Sie sind zwar mit vielem nicht einverstanden, was ich ihnen in den Vorlesungen sage. Aber sie akzeptieren im Prinzip, dass ich nicht dafür zuständig bin, Wünschbarkeiten zu kommunizieren."

Münklers Vorlesungen und Seminare sind in der Tat sehr gut besucht. Kein schlechtes Zeichen, wenn in aufregenden Zeiten auch die nüchternen Köpfe Zulauf haben.

Herfried Münkler erforscht den Wandel des Krieges im Zeichen des Terrorismus und des Neoimperialismus. Der 52-Jährige ist Professor für Politikwissenschaft an der Berliner Humboldt-Universität. Münkler, der seine Karriere als Historiker politischer Ideen begann, plädiert für eine Renaissance des strategischen Denkens