Da ist wieder einmal die scheinbar treffende Direktübersetzung eines Buchtitels nicht so recht geglückt. Being America heißt das kluge neue Buch des jungen amerikanischen Publizisten (und mehrfachen ZEIT- Autors) Jedediah Purdy im Original. Das trifft das Anliegen des Autors besser als das deutsche Das ist Amerika. Denn gerade nicht die soundsovielte Darstellung, was die Vereinigten Staaten heute seien und wie es dort zugehe, bietet dieser Band. Purdys Ansatz ist indirekter – und damit zugleich anspruchsvoller.

Ähnlich dem Vorbild des Franzosen Alexis de Tocqueville vor nahezu 200 Jahren interessiert sich Purdy im Grunde für nicht weniger als die Zukunft der Menschheit insgesamt. Doch anders als Tocqueville, der seinerzeit das aus europäischer Perspektive abgelegene Nordamerika bereiste, um die Wirkungen der heraufziehenden Demokratie zu begreifen, schlägt der Amerikaner Purdy den umgekehrten Weg ein. "Die heutige Welt ist amerikanisch geprägt, weil sie die Gestalt der Moderne annimmt, deren Wegbereiter wir waren", lautet seine These. Was es heute heißt, Amerika und amerikanisch zu sein, werde deshalb nur begreifen, wer eine Vorstellung davon habe, wie Amerika und die Amerikaner überall auf der Welt wahrgenommen würden.

Folglich hat sich Jedediah Purdy auf den Weg zu den Modernisierten gemacht. Ob unter Jurastudenten in Ägypten oder Fabrikarbeiterinnen in Kambodscha, ob in Indien, Indonesien oder in China – überall erlebt er Varianten desselben irritierenden Gemischs aus Bewunderung für und Hass auf Amerika, zugleich den Wunsch nach Nachahmung und das bittere Ressentiment. "Wir stehen im Zentrum der Welt, und in den Augen anderer sind wir das, was wir für sie sein sollen, wovor sie Angst haben, was sie selbst werden wollen und was sie an sich selbst ablehnen", schreibt er.

Welche dieser Vorstellungen und "Leidenschaften" die Oberhand behalten werden, bei den einzelnen Menschen wie in der auf widersprüchliche Weise amerikanisierten Welt überhaupt, das sei die entscheidende Frage der Zukunft: "Junge Männer, die nicht wissen, ob sie für die Mudschahedin kämpfen oder ein Ingenieursstudium in New Jersey absolvieren wollen, und die auch dann ein Mudschahedin-Poster aufhängen, wenn sie einen Platz an der Rutgers University haben, sind nicht unsere Feinde – noch nicht. Sie sind noch ungeformt, und welchen Weg sie einmal beschreiten, hängt auch von ihrer Einstellung gegenüber den Vereinigten Staaten ab."

Dass noch zu wenige Amerikaner begriffen hätten, welche ungeheure Verantwortung sich für die USA aus dieser Lage ergibt – dies ist die Befürchtung, die der Autor mit vielen europäischen Kritikern der amerikanischen Weltpolitik teilt. Doch anders als die meisten von ihnen kann er plausibel erklären, weshalb Amerika ist, wie es ist. "Vielleicht gibt es keine andere Erinnerung als die Erinnerung an Wunden", zitiert er den polnischen Nobelpreisträger Czeslaw Milosz. Mit den Amerikanern hat es die Geschichte gut gemeint, genau deshalb sind sie so vergesslich. Dass sie der Welt aus purer Zerstreutheit weitere Wunden zufügen, ist die größte Gefahr, in die sich die Vereinigten Staaten selbst bringen können. Denn die Verwundeten werden sich erinnern. Jedediah Purdy, noch keine dreißig Jahre alt, ist ein junger Weiser.