Silvios piadine sind stadtbekannt. In seinem winzigen Ladenlokal in der Altstadt von Rimini röstet er dünne Fladen aus Weizenmehlteig und füllt sie je nach Kundenwunsch mit Rucola, Parmesan und Parmaschinken, mit gegrilltem Gemüse oder auch mit Nutella. Mittags bilden sich oft Warteschlangen vor der Tür, die wenigen Barhocker an der Verkaufstheke sind dauerbesetzt, eine zweite Arbeitskraft könnte nicht schaden. Doch Silvio lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, und für einen Mitarbeiter ist zwischen Mehlsäcken, Herd und Schneidemaschine wirklich kein Platz. "Zwei Amarcord und eine Anita zum Mitnehmen!", ruft ihm der nächste Kunde zu. Amarcord? Das steht doch auf dem Filmplakat an der Wand! Und die üppige Anita – hier mit Speck und Radicchio – galt jahrzehntelang als Inkarnation aller Weiblichkeit und als erotische Traumvorstellung der Italiener. Es ist kein Geheimnis: Silvio ist Fellini-Fan. Jede seiner köstlichen piadine ist dem Werk des vor zehn Jahren verstorbenen Regisseurs gewidmet: Neben dem berühmten Film Amarcord und der nicht minder berühmten Filmdiva Anita Eckberg, Hauptdarstellerin in La dolce vita , kommen auch Fellinis Ehefrau Giulietta (Schinken, Rucola, Tomaten) oder sein Frühwerk La Strada (mit gemischtem Gemüse) zu Ehren.

Fellini mochte das Meer nicht

Natürlich hat der große Federico Fellini Silvios bescheidenes Piada & Cassoni nie betreten, so wie er überhaupt nicht sehr oft und offenbar auch nicht besonders gern in seiner Heimatstadt war. Er ist 19, als er an einem kalten Januartag Rimini verlässt und nach Rom zieht. Erst 1946, sieben Jahre später, wird er die vom Krieg zerstörte Kleinstadt wiedersehen, und auch danach sind seine Besuche bei Freunden und Familie eher sporadisch und kurz. Doch Rimini ist in seinen Filmen fast immer präsent, und das, obwohl keine einzige Szene vor Ort gedreht wurde.

Fellinis (Film-)Welt zieht sich vom Hafen mit seiner weit ins Meer hineinreichenden Mole am breiten Strand entlang bis zum prächtigen Grand Hotel, einer märchenhaften und opulent gestalteten Luxus-Enklave an der Promenade. Sie kommt natürlich am Bahnhof vorbei, dem Ort all jener dem Regisseur so wichtigen Abreisen. Vor allem aber spielt sie sich in der Altstadt ab, am lang gezogenen Corso d’Augusto zwischen Tiberius-Brücke und Augustus-Bogen, wo sich der junge Federico, der das Meer nicht mochte, die Zeit vertrieb. "Damals waren wir immer in der Stadt", schrieb er 1987 in La mia Rimini, "zum Spaziergang auf dem Corso, jeden Abend einen halben Kilometer im Schneckentempo. Von der Patisserie Dovesi bis zum Café Commercio."

Man kann ihn verstehen: In sicherer Entfernung von Badeanstalten, Strandlokalen, Diskotheken und Spielhallen hat ein historischer Stadtkern überlebt, der vom Massentourismus kaum wahrgenommen wird und von entsprechenden Verschandelungen verschont geblieben ist. Auf der zentralen und wunderschönen Piazza Tre Martiri sind gerade einmal drei Cafés zu finden, und selbst die halten sich mit der Anzahl ihrer Terrassentische zurück. Ein Cappuccino kommt hier für 2,50 Euro mit einem Tellerchen Kekse auf den Tisch, und zum Aperitif werden Kartoffelchips, Oliven und Salzmandeln serviert. Großzügig gestaltete Boutiquen wie die von Max Mara oder Emporio Armani sorgen für Zeitgeist und Schick, ohne den altmodischen Lebensmittelladen, die Buchhandlung und die Apotheke vom Platz zu verdrängen.

Ein paar Schritte weiter den Corso entlang liegt die Piazza Cavour, ein majestätischer Platz mit mittelalterlichen Palästen und dem schneeweißen Pigna-Brunnen, der schon Leonardo da Vinci entzückte. Im imposanten Palazzo dell’Arengo, unter dessen Portikus früher Gerichtssitzungen stattfanden, ist derzeit die Ausstellung Federico in costume mit Originalkostümen und -objekten der Filmsets von Roma und Casanova zu sehen. Unter anderem sind die neun kirchlichen Kostüme der berühmten Modenschauszene aus Roma ausgestellt: farbenprächtige Kardinalsroben, schwere silberne Bischofs-Tiaras, edelsteinbesetzte Kasacks und Umhänge aus Spiegelsteinen.

Auf der gegenüberliegenden Seite der Piazza befindet sich die alte Pescheria, ein Laubengang mit massigen Steinbänken, auf denen früher der Fisch zum Verkauf lag. Heute ist dies das Epizentrum des Rimineser Nachtlebens. Um die Verkaufshalle herum haben sich Trendlokale wie das Casablanca oder das Caravaggio etabliert – ein Treffpunkt vor allem für junge Menschen, die immer zahlreicher werden, seitdem sich Rimini zu einem wichtigen Universitätsstandort mit über 5000 Studenten entwickelt hat.