Eine neue Kulturgeschichte zum Thema Haar? Warum nicht, das Thema ist unerschöpflich! Schließlich schafft sich der Mensch seine äußeren Zeichen von Zugehörigkeit und Abgrenzung, von Weiblichkeit und Männlichkeit immer aufs Neue. Demzufolge müsste die jüngste kulturhistorische Arbeit auch immer die neuesten Trends aufzeigen. Diese Erwartung erfüllt das Autorenduo, ein Geschwisterpaar, auf angenehm unterhaltsame Weise. Es legt Wert auf Aktualität, auch auf eine Literaturliste: Der älteste Titel ist von 1992, alle anderen, zum Großteil englischsprachigen, sind brandneu. Personen- und Sachregister zeigen, dass das Buch den Anspruch auf die Gattung "Seriöses Sachbuch" erhebt. Nur ein Vorwort oder ein Schlusskapitel fehlt. Warum auch nicht? Bei dem Phänomen Haar ist eine vorsichtige Annäherung nicht nötig.

Sechs elegant geschriebene Abschnitte sind dem männlichen und weiblichen Bart sowie dem Zwang zur glatten Haut, dem Frisiersalon und den Rotschöpfen, dem vorhandenen und dem fehlenden Haar gewidmet, historischer Abriss inklusive. Ist Anekdotisches gefällig? Gerne. So erfährt man, warum der Bundestagspräsident Wolfgang Thierse seinen Bart so und nicht anders trägt, dass der Föhn als Summe aus Staubsauger plus Mixer entstand und dass die Tarzan- und Historienfilme der fünfziger Jahre als "Brustfilme" bezeichnet werden – wegen der unbehaarten und muskulösen männlichen Oberkörper… Apropos Glätte. Seit dem 11. September 2001 bemüht sich der dunkelhaarige Amerikaner, glatt rasiert zu sein und kein Körperhaar aus dem Hemdkragen hervorlugen zu lassen, um nicht für einen Araber gehalten zu werden (Quelle: New York Times). Und wie steht es mit dem Körperhaar der Frauen? Durch die Entfernung des Schamhaars kehre die erwachsene Frau wieder in den Zustand des "reinen" Mädchens vor der Menstruation zurück – in der patriarchalen Weltordnung nämlich, in der die behaarte Vulva als monströs gilt: Zwei Beispiele zur Zeichenhaftigkeit von Behaarung und Nichtbehaarung. Wenn die Autoren allerdings behaupten, im Jahre 300 vor Christus habe es den ersten Friseursalon gegeben, sollte man dies so nehmen, wie es gemeint ist: weniger als felsenfeste Wahrheit denn als gute Unterhaltung im Feature-Charakter.

Schade: Leider besteht zwischen dem Text und den zahlreichen Schwarz-Weiß-Abbildungen (Holzschnitte, Stiche, Lithografien vom 15. bis 19. Jahrhundert) so gut wie kein Zusammenhang. Man möchte nicht verzichten auf das schöne Bild eines rothaarigen Mädchens, gemalt von dem polnischen Künstler Moise Kisling (22.Januar 1891 bis 29. April 1953). Aber wenn es zum Beispiel um den Frisur- und Image-Wandel eines männlichen Idols wie David Beckham geht, sollte der Leser jung genug sein, um den Fußballstar aus den Medien zu kennen. Der Band verzichtet leider durchweg auf Fotos zeitgenössischer Heroen und Heroinen, die jüngste Abbildung des Buches ist von 1945 und zeigt "Pippi Langstrumpf beim Plätzchenbacken".