Es ist immer ein Glück, wenn einen Außenseiter das Gelernte (etwa der Maschinenbau) zu langweilen beginnt und sich die Neugier auf anderes (die Literatur, die Geschichte) so heftig steigert, dass sie ihn zum Seiteneinsteiger und alsbald zum begeisterten – und offensichtlich auch begeisternden – Redakteur einer Vierteljahresschrift für Geschichte macht. Und so geschieht es, dass die Dresdner Hefte mit ihren "Beiträgen zur Kulturgeschichte der Region" beileibe nicht nur Eingeweihte und Lokalpatrioten interessieren, sondern zum wahren Publikumsrenner werden.

Gewöhnlich verkaufen sich die etwa 100 Seiten dicken Hefte an die 5000-mal – gemessen an Büchern eine erstaunliche Menge. Manchmal werden sie sogar zu Bestsellern, so wie das Heft 32 von 1992, das die Frauenkirche zum retrospektiven Thema hatte, viermal neu aufgelegt und gut 30000-mal gedruckt werden musste. Von anderen Heften – über Pillnitz, die Dresdner Kulturlandschaft oder die nationalsozialistische Zeit (für die Dresden besonders anfällig gewesen war) – wurden bis zu 10000 Exemplare verlangt. Gleichwohl braucht der Dresdner Geschichtsverein als Herausgeber ebenso wie als rühriger Vortragsveranstalter finanziellen Beistand. Nur die eine Hälfte seines Etats kommt durch den Verkaufserlös der Vierteljahreszeitschrift zusammen, die andere steuern Stadt und Land und treue Spender bei.

Wie immer zu Beginn einer neuen Jahreszeit ist soeben ein neues Heft erschienen. Es ist dem revolutionären Bürger ebenso wie dem leidenschaftlichen Architekten Gottfried Semper zum 200. Geburtstag (am 29. November) gewidmet, betitelt Der Architekt und die Stadt. Beschrieben werden darin die 15 Jahre, die der einst auf den Lehrstuhl für Baukunst berufene Hamburger in Dresden zugebracht hat, seine Bauherren und die vier großen Bauwerke – Synagoge, Opernhaus, Kunstgalerie am Zwinger, die Villa Rosa, aber auch die kaum bekannte Infanteriekaserne in Bautzen sowie Arbeiten seiner Schüler in Dresden. Man wird kompetent mit Sempers Architekturtheorie bekannt gemacht, mit seinem Hang zur Musik, und selbstverständlich werden die Beziehungen zu seinem Dresdner Kombattanten Richard Wagner behandelt und seine Exiljahre in Paris und London.

Man liest sich rasch fest – etwas, das nicht allein den Themen und ihren bisweilen überraschenden Facetten zuzuschreiben ist, sondern auch der Regie, die der leitende Redakteur in den Dresdner Heften führt, Hans-Peter Lühr. Den gelernten Diplomingenieur hatte es schon nach ein paar Industriejahren in den Mitteldeutschen Verlag in Halle (Saale) zu Belletristik und Lyrik gezogen, 1990 schließlich zur Kulturgeschichte, kurzum zu den Dresdner Heften. Die Semper gewidmete Ausgabe ist zugleich sein 50., sein Jubiläumsheft, dem man rasch den redaktionellen Anspruch anmerkt, "Geschichte für die Gegenwart" zu schreiben. Die neun Beiträge haben essayistisches Format, sie lassen sich gut lesen. Lühr macht seinen Mitarbeitern, wie er sagt, ausdrücklich "Ich-Mut", also Mut, ihre Themen persönlich pointiert darzustellen.

Er hat sich als Erster den fünfziger und sechziger Jahren der DDR und Dresden zugewandt, dem Expressionismus sowie der Weltwirtschaftskrise und der kulturellen Reformbewegung, nahm sich die wichtigen "städtischen Orte" der Stadt, andere der Region vor, vernachlässigte aber auch die sächsischen Fürstengeschlechter bis ins 17. Jahrhundert nicht – und Sachsens Beziehungen zu Europa.

Gelegentlich fallen ihm Sonderthemen in den Schoß, Victor Klemperers Dresdner Tagebuch oder des berühmten Fritz Löffler nachgelassene Schrift über die Dresdner Malerei in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, laut Lühr "sein eigentliches Werk". Nächstes großes Thema wird 2006, natürlich, das 800-jährige Dresden sein.