Man muss sich die Bürokraten in Brüssel wie ein Termitenvolk vorstellen, das im Gebälk eines prachtvollen Gebäudes sitzt und nagt und nagt, bis die ganze Pracht zusammenbricht. Meistens hört und sieht man nichts von den kleinen Zerstörern, denn sie lieben die Anonymität. Von Zeit zu Zeit fällt krachend ein Gesims zu Boden, oder ein schmückender Erker löst sich in Staub auf, so geben die Termiten Kunde von ihrer Existenz.

Wir erinnern uns alle, wie die Brüsseler Termiten vor Jahrzehnten bereits versuchten, den Rohmilchkäse aus der kulinarischen Welt zu schaffen. Es misslang ihnen wegen der Proteste der vereinigten Feinschmecker. Aber sie gaben nicht auf. Immer wieder hörte man sie gegen den Rohmilchkäse nagen, und immer wieder kamen ihre Aktivitäten ans Licht.

So waren wir auf der Hut und konnten eine barbarische Beschädigung unserer kulinarischen Identität verhindern.

Glaubten wir. Doch diese Bürokraten, die sich in den Kopf gesetzt haben, alle Europäer mit den Schundprodukten der anglo-amerikanischen Nahrungsmittelindustrie zwangszuernähren, sie geben nicht auf. Heimlich, wie es ihre Art ist, haben sie weiter genagt und ein wunderschönes Teil des prachtvollen Gebäudes zum Einsturz gebracht, das dem kulturellen Flügel zugerechnet wird. Von einem auf den anderen Tag haben sie dafür gesorgt, dass edle Schokoladensorten nicht mehr edel sein dürfen, weil es den Herstellern von vulgärer Schokolade nicht gefällt.

Anders als Kinder, die alles lecker finden, was süß ist und deshalb noch kein Organ für die Qualität von Genussmitteln entwickelt haben, unterscheiden sensible Zungen durchaus zwischen den Spitzenprodukten der Schokoladenkünstler und den Massenprodukten aus Fabriken. Erstere sind für Connaisseure durchaus vergleichbar mit einem Premier Grand Cru und dem Deuxième Cru aus Bordeaux. Die jeweiligen Hersteller bilden einen kleinen, aber hoch angesehenen Klub von Schokoladenmeistern, während der große Rest des Marktes von lila Kühen und anderen Poltergeistern beherrscht wird, die zu süß und zu billig sind, als dass sie hohen Qualitätsansprüchen genügten.

Die Qualität einer Tafel Schokolade oder einer Praline hängt von der des Kakaos ab. Echte Schokolade enthält nur Kakao, Zucker und Kakaobutter. Letztere wird aus Kakobohnen gewonnen und ist sehr teuer. Seit August dieses Jahres – das haben die Brüsseler Termiten durchgesetzt – dürfen fünf Prozent der Kakaobutter durch zehnmal billigeres Pflanzenfett ersetzt werden. Dies ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, da die Konsumenten die Sache mit dem Kakaoanteil kapiert haben: Die Oberklasse der Schokolade hat davon mindestens 70 Prozent.

Billigfett ist Englands Beitrag zum vereinten Europa

Die Freunde edler Schokolade sehen das Ende ihres Lieblingsproduktes gekommen. "Schokolade ist nicht mehr Schokolade", klagen sie und befürchten das Eindringen von Billigfetten auch in anderen Produkten. "Warum nicht fünf Prozent Pflanzenfett in Butter? Oder in Wein? Mit entsprechendem Wasserzusatz und Farbe dürfte er weiterhin Wein genannt werden."