Den höher gebildeten Ständen kocht das Blut. Jetzt soll es nämlich auch den Akademikern an die Rente gehen. Wer sich vom Jahr 2009 an zur Ruhe setzt, dem werden seine Ausbildungszeiten nicht mehr rentensteigernd angerechnet. Im Höchstfall schlägt diese neue Regelung mit Minus 55 Euro monatlich zu Buche. Die Opposition spricht bereits von einem "unerhörten Betrug an Generationen von Akademikern" und ruft zur Verfassungsklage auf. Die Hochschulrektorenkonferenz sieht gar den Wissenschaftsstandort Deutschland gefährdet. Aus überfluteten Faxmaschinen und Mailboxen in den Büros grüner Abgeordneter quillt der Volkszorn. Nun soll man also für seine Bildungsbereitschaft auch noch bestraft werden!

Welch eine Verdrehung der Fakten: Die Streichung eines Privilegs für ohnehin Privilegierte wird zum Sozialabbau umgedeutet! Jeder Lehrling muss in die Rentenkasse einzahlen. Aber wer ein kostenloses Studium genießt, das ihm Chancen auf ein hohes Einkommen eröffnet, soll auch noch Anspruch auf einen staatlichen Rentenzuschuss haben?

Diese Regelung war nicht nur immer schon ungerecht – eine dreiste Umverteilung von unten nach oben. Sie war auch ordnungspolitisch sinnlos. Wer glaubt im Ernst, dass das Rentenprivileg auch nur einen einzigen Studenten zusätzlich an die Uni gelockt hat? Und im Übrigen: Was haben Studenten, die sich mit der Aussicht auf ein bisschen Staatsknete im Alter ködern lassen, an höheren Bildungsanstalten überhaupt zu suchen?

Die Angelegenheit zeigt, dass Populismus, Besitzstandsdenken und Schnäppchenjägerei in Deutschland durch alle Stände ziemlich gleich verteilt sind. Die peinliche Debatte hat aber auch einen harten Kern. Letztlich geht es hier darum, was die höhere Bildung uns noch wert ist. Nimmt man die Kritiker beim Wort, so muss man sich das Studium als eine bittere Medizin vorstellen, die ohne den Zuckerguss staatlich garantierter Privilegien ungenießbar wäre. Eigentlich müsste der Stolz es verbieten, solche peinlichen Vorrechte zu verteidigen.

Da liegt das wahre Problem. Worauf soll man denn auch stolz sein? So eine tolle Sache ist es ja wirklich nicht mehr, in Deutschland Akademiker zu sein. Die höhere Bildung verliert an Wert. Dieser Prozess lässt sich aber nicht auffangen, indem man anstößige Mitnahmeeffekte verteidigt. Wer das Studium attraktiver machen will, muss die Universitäten reformieren. Nicht um die Akademiker im Ruhestand, sondern um die Hochschulen von morgen müssen wir uns sorgen. Wer kürzere Studienzeiten, differenziertere Studiengänge und mehr Konkurrenz zwischen den Hochschulen will, muss in Zeiten knapper Kassen das Studium teurer machen. Die Bildungsfeindlichkeit dieser Regierung zeigt sich nicht in der Streichung des Rentenprivilegs, sondern viel eher im Verbot von Studiengebühren, so paradox es auch klingen mag. Statt für falsche Begünstigungen sollte man um eine Universität streiten, in der sich wieder erfahren lässt, dass die Bildung selbst schon das größte Privileg ist.