Bei "Hanne am Zoo" funkeln kleine Fernseher wie Sterne von der Zimmerdecke, und wenn sie alle grasgrün leuchten wie an diesem Abend, sind die Barhocker an der Theke schnell besetzt. Dann läuft hier nämlich Fußball. Heute wird Lokomotive Moskau gegen Inter Mailand übertragen, ein Vorrundenspiel der Champions League. Die Männer auf den Barhockern haben den Kopf in den Nacken gelegt, um freie Sicht auf einen der Bildschirme zu bekommen. Das grüne Fernsehflimmern huscht über ihre Gesichter, und als das 1:0 für Moskau fällt, spiegelt es sich in den Biergläsern, mit denen sie dem Torschützen zuprosten. Thorsten Weber aber bleibt regungslos sitzen. Er sieht kein einziges der drei Tore, die in der Partie fallen. Auch bei den Wiederholungen hebt er nicht den Blick. "Champions League?", sagt Weber und nimmt einen großen Schluck Berliner Pilsener, "Champions League interessiert mich nicht. Die Champions League ist ein Fluch für uns. Wir haben viel zu lange nach oben geguckt. Und wo sind wir gelandet?"

Thorsten Weber wird an diesem Abend noch oft auf die Champions League schimpfen. Seine Sätze enden dann meistens mit Ausrufen wie "Größenwahnsinn", "die waren total verblendet", "das musste ja so kommen". Thorsten Weber, 21 Jahre alt, ist Fan von Hertha BSC Berlin. Seit 1993 geht er regelmäßig ins Olympiastadion, er hat fast alle Heimspiele gesehen, auch die in der Zweiten Liga. Zurzeit aber bereitet ihm die Hertha "nur noch Frust", wie er sagt. "Manchmal frage ich mich, wofür ich in der Kurve stehe und mir die Seele aus dem Hals brülle. Das da unten auf dem Rasen ist nicht mehr mein Fußball."

Wahrscheinlich würden die Hertha-Profis das selbst so sagen: Dieser Fußball ist nicht mehr unser Fußball. Sie hatten ja einen ganz anderen Fußball spielen wollen, einen schönen und vor allem erfolgreichen. Während des Sommertrainingslagers in Tirol hatten sich die Spieler in einer Berghütte zusammengesetzt und über die Ziele für die neue Saison abgestimmt. Als das Wort "Champions League" fiel, gingen die meisten Hände nach oben. Dieter Hoeneß, der Manager, sagte damals: "In Wirtschaftsunternehmen ist es absolut üblich, Zielvereinbarungen zu treffen. Das Ziel deckt sich mit meinen Vorstellungen. Ich bin sehr damit einverstanden." Das war im Juli. Die Vorstellungen des Managers Hoeneß dominieren im Verein. Er gibt die Richtung vor, er trägt die Verantwortung. In guten wie in schlechten Tagen. Heute redet bei Hertha niemand mehr über die Champions League. Auch Hoeneß nicht. Heute kämpft der Verein gegen den Abstieg. Von bislang zehn Bundesligaspielen haben die Berliner nur ein einziges gewinnen können. Sie sind Viertletzte der Liga und früh gescheitert im Uefa-Cup. Gegen Groclin Grodzisk, einen polnischen Provinzverein aus der Nähe von Posen, schied der Hauptstadtklub bereits in der ersten Runde aus.

Thorsten Weber ist mitgefahren nach Polen. Weber gehört zu den "Harlekins", einem der größten Hertha-Fanklubs der Stadt. Nachts, auf der Rückreise in Richtung Berlin, war es ganz still im Bus. Keine Gesänge, keine Schlachtrufe – die Harlekins hockten in kleinen Gruppen zusammen und berieten die Lage. "Irgendwann waren wir uns einig, dass es so nicht weitergehen kann", sagt Weber. "Dass auch wir als Fans Verantwortung tragen und eingreifen müssen." Der Eingriff erfolgte am nächsten Morgen. Die Harlekins fuhren zum Trainingsplatz und rollten Spruchbänder aus. "Versager!!!" stand auf einer der blau besprühten Tapetenbahnen. Auf einer anderen war zu lesen: "Eure Leistung – purer Hohn. Euer Charakter – eine Schande. Seid ihr es wert, unser Trikot zu tragen?"

Alle großen Berliner Zeitungen druckten am nächsten Tag Fotos, die Hertha-Spieler zeigten, die, von den Spruchbändern umrahmt, über den Trainingsplatz joggen. Für die Harlekins bedeutete das einen kleinen Triumph. Für die Mannschaft aber war es eine weitere Niederlage. Sie hatte nun auch bei ihren treuen Anhängern verloren. Viele andere Fans hatten sich schon zuvor schweigend abgewandt. Zum letzten Heimspiel gegen Bayer Leverkusen, den Tabellenzweiten, kamen 36000 Zuschauer. In anderen Städten wie Dortmund, Köln oder München hätte solch ein Gegner mindestens 50 000 Fans gelockt.

Das rückläufige Publikumsinteresse ist vielleicht das Hauptsymptom jener Krise, die Hertha BSC zurzeit durchlebt – mehr noch als all die vergebenen Torchancen und verlorenen Spiele. Hertha BSC steckt in einer Identitätskrise. Der Klub weiß nicht, wen er überhaupt unterhalten will. Etwa Thorsten Weber und seine Harlekins, die den so genannten ehrlichen Fußball schätzen? Oder die Fußball-Gourmets, die Hackentricks und Doppelpässe sehen wollen? Oder die Neuberliner, denen der Stil egal ist, solange das Team Erfolg hat und Fußball ein gesellschaftliches Ereignis bleibt?

Wahrscheinlich will Hertha alle ein bisschen bedienen. So ist jedenfalls die Mannschaft aufgestellt. Hinten in der Abwehr steht der strammwadige Kapitän Dick van Burik, der den Ball gern per Bogenlampe aus dem Strafraum befördert. Im Mittelfeld jongliert der Brasilianer Marcelinho, und im Sturm probiert der in der Nationalmannschaft so erfolgreiche Fredi Bobic sein Glück, der Kolumnen schreibt und ein beliebter Interviewpartner ist. Es passt nicht zusammen, was Manager Hoeneß und Trainer Huub Stevens eingekauft haben in den vergangenen anderthalb Jahren. Bis heute hat die Mannschaft keinen eigenen Stil entwickelt. Sie weiß nicht, wie sie spielen soll, weil sie nicht weiß, wer sie ist. Sie weiß nur, wo sie irgendwann gern wäre. Und sie spürt Wochenende für Wochenende, dass sie sich von diesem Ziel in Lichtgeschwindigkeit entfernt.

Auf die Champions-League-Teilnahme folgte die Zeit der großen Visionen