Der Klempner kam im Morgengrauen, behängt mit merkwürdigen Gerätschaften und umweht von jener Aura unangreifbarer Kompetenz, mit der sich die wirklich dicken Rechnungen ankündigen. Am Vorabend hatte das ganze Haus von unten herauf zunehmend faulig zu riechen begonnen, inzwischen stank es derart bestialisch, dass der Fachmann unverzüglich auf ein geborstenes Abwasserrohr tippte. Finden allerdings konnte er weder das noch irgendetwas anderes. Als er schließlich geschlagen abzog, schien schon die Sonne. Sie strahlte auf des Rätsels Lösung, direkt vor dem Kellerfenster: ein stolzes, hoch aufgerichtetes Exemplar von Phallus impudicus, der Stinkmorchel.

Es war die Vorhut einer Invasion, die uns in diesem heißen Sommer ein Gartenerlebnis der ganz speziellen Art bescherte. Selbst unter den Pilzen, diesen seltsamen, ein wenig sinistren Grenzgängern zwischen Tier- und Pflanzenwelt, ist die Stinkmorchel einer der seltsamsten: Ihr Fruchtkörper kommt als Hexen- oder Teufelsei ans Tageslicht, das, hühnereigroß, mattweiß und mit Gallertschicht und Kern, auf unheimliche Weise der Karikatur eines Tiereis ähnelt. Daraus wird der Pilz regelrecht geboren, ein wenig wie die Minisaurier im Film Jurassic Park: Die ledrige Außenhaut reißt, und aus dem Spalt erhebt sich, im Zeitraffertempo von zwei Millimetern pro Minute, der stramme Stengel – ein Pilz, dem man beim Wachsen tatsächlich zusehen kann. Zunächst ist er geruchlos, doch wenn schließlich die olivgrüne Sporenmasse außen am Hut als dicker grüner Schleim herabtropft, setzt sie nacheinander gezielt verschiedene flüchtige Stoffe frei, die teilweise miteinander reagieren und mit ihrem charakteristischen durchdringenden Aasgeruch Sporen verbreitende Insekten noch aus großer Entfernung anziehen. Höchste Zeit, den Fliegen zu folgen, um das Objekt ihrer Begierde schleunigst unschädlich zu machen, und dabei über die Frage aller Fragen zu grübeln: Warum? Wie kommt ausgerechnet dieser 20-Zentimeter-Widerling zu einem Technologievorsprung, der erst mit den Analysemethoden des 20. Jahrhunderts einigermaßen enträtselt werden konnte? Woher bloß weiß der das?!

Doch, zugegeben: Selbst die größten Wunder der Mykologie verlieren rapide an Faszination, und das Glück, mit der Natur zu leben, relativiert sich, wenn der Garten ständig aussieht wie ein Biologie gewordener Exhibitionistentraum, riecht wie eine nachlässig gereinigte Abdeckerei und bevorzugt als Massentreff für besonders unsympathische Vertreter der heimischen Insektenfauna dient.

Als Aphrodisiakum, Rheumamittel und Bratkartoffel-Aroma geeignet

Und der Kampf Mensch gegen Morchel zeitigt nicht immer die erwünschten Ergebnisse. Der Versuch etwa, ein gutes Dutzend großer Hexeneier an einem sehr heißen Tag via Hausmüll zu entsorgen, endete als als optisches und olfaktorisches Desaster: Wenige Stunden später sah das Innere der biederen norddeutschen Mülltonne zum Fürchten aus, Massen weißer Maden strebten hinaus, unüberhörbare Schwärme grün schillernder Fliegen hinein. Das Odeur, das diesem surrealistischen Stilleben entstieg, wird sich ohnehin niemals adäquat schildern lassen…

Bliebe noch die Möglichkeit, die unerwünschten Eindringlinge einfach aufzuessen. Hexeneier nämlich sind, im Gegensatz zum erwachsenen Pilz, essbar. Ihr Kern wurde früher sowohl als Aphrodisiakum wie auch als Rheumamittel benutzt und ersetzte gelegentlich die Trüffeln in der Leberwurst. Als ausgefallenes Bratkartoffel-Aroma, so lernte ich mit unterdrücktem Schaudern, werden Hexeneier immer noch gegessen, und voll im Insider-Trend liegen sie als besonders ungewöhnlicher Pizzabelag. Eine stilechte Halloween-Party mit dämonischer Glibber-Grusel-Show in der Küche und Stinkmorchel-Pizza auf dem Teller bietet sich da natürlich geradezu an, aber irgendwie fehlte mir die letzte Motivation zum Testessen. So äußerte ich meine Bereitschaft zum Selbstversuch vorsichtshalber erst dann öffentlich, als ich Mitte Oktober sicher war, dass die Morcheln (die übrigens, botanisch genau genommen, gar keine sind) ihr Erscheinen für diese Saison eingestellt hatten.

Dumm gelaufen: Gartenfrische Hexeneier gab es nämlich noch und für mich nun kein Zurück. Ich zog also, zu allem entschlossen, die ledrigen Schalen ab – und verfluchte anschließend aus tiefstem Herzen jede Form von investigativem Journalismus. Wer je mit Händen, die sich anfühlen wie nach ausgiebigem Kontakt mit einer Nacktschnecke, hektisch etwas einzufangen versucht hat, das an winzige, rundum schlüpfrige und unangenehm mobile Gehirne erinnert, der wird verstehen, weshalb.

Wahre Freaks übrigens braten den Glibber mit, doch so weit wollte ich denn doch nicht gehen. Eine halbe Rolle Küchenpapier später war auch die innere Haut abgezogen, und übrig blieben harte Knubbel, anzusehen wie ein mattgrauer Bastard zwischen Walnuss und Trüffel. Sie stanken nicht mehr und waren roh vollständig geschmacksneutral. Gebraten hatten die festen schwarzen Scheiben nicht die kleinste Spur von Pilzaroma, dafür aber einen sehr deutlichen, zum Schluss leicht bitteren Nussgeschmack. Ehrlich gesagt: Ich fand sie, verblüffenderweise, beinahe delikat – wenn da sicher auch viel Erleichterung mitschwang, dass sie tatsächlich in keiner Weise halten, was die Verpackung androht. Besonders angenehm war denn auch der saubere, erdnussartige Nachgeschmack. Also doch Stinkmorchel-Pizza zu Halloween?