Die spanische Zeitung Canarias druckte kürzlich Bilder, die bis dahin niemand einem deutschen Publikum zugemutet hatte. La costa de la muerte lautete dazu die Schlagzeile – die Küste des Todes. Die Fotos zeigten die Leichen von Schwarzafrikanern, zehn insgesamt. Einige der leblosen Körper wurden im vergangenen August von Tauchern der Guardia Civil aus tiefem Wasser gezogen. Andere Leichen wurden im flachen Küstengewässer vor der Ferieninsel Fuerteventura geborgen.

Innerhalb von 48 Stunden griff die Guardia Civil damals 153 illegale Immigraten an den Stränden von Fuerteventura und der benachbarten Vulkaninsel Lanzarote auf. Die Fremden waren auf winzigen Holzschiffen aus Marokko gekommen, mehr als hundert Kilometer über den Atlantik hatten sie zurückgelegt. Die zehn Menschen, die später tot geborgen wurden, hätten es fast geschafft. Aber ihr Boot zerschellte in einer windstillen Nacht bei Flut an den scharfkantigen Felsen vor der Insel. Die Flüchtlinge konnten nicht schwimmen. Als die Ebbe kam, waren sie längst ertrunken.

Seit Beginn des Jahres 2002 haben die spanischen Behörden an den kanarischen Küsten fast 14000 "Sin papeles", "Leute ohne Papiere", aufgegriffen. Bis zum August dieses Jahres wurden 78 Leichen geborgen. Wie viele Menschen in den von den Passatwinden aufgepeitschten Wellen tatsächlich starben, weiß niemand. Die Todessaison beginnt jetzt, auf den Kanaren und überall, wo kleine Schiffe von Afrika und dem Nahen Osten nach Europa übersetzen können. Flüchtlinge legen abends bei ruhigem Wetter ab und werden nachts von plötzlich aufkommenden Stürmen überrascht.

Die Route von Marokko zu den Kanaren ist seit Jahren eine beliebte Alternative zur Passage über die Straße von Gibraltar. Zwar kreuzen immer noch viele Flüchtlingsboote über die nur 14 Kilometer breite Meerenge zwischen Afrika und Europa. Aber el estrecho, "die Straße" zwischen Marokko und dem spanischen Festland, wird mittlerweile, ähnlich wie die Meerenge zwischen Italien und Albanien in der südlichen Adria, militärisch abgeriegelt. Sensibles Radar, Hubschrauber und Schnellboote sind im Einsatz, Marineverbände veranstalten Verfolgungsjagden. "Aufklärung" wird auch auf der anderen Seite, an der Armutsküste betrieben. Es herrscht auf den Meeren ein Krieg zum Schutz der europäischen Schengen-Staaten vor Flüchtlingen aus der ganzen Welt.

Selbst jene Boatpeople, die auf den Kanaren landen, stammen keineswegs nur aus afrikanischen Staaten. In spanischen Übergangslagern finden sich Russen, Letten, Bulgaren, Chinesen und auch Südamerikaner.

Ihr Reiseziel ist Schengen-Europa, egal, wo, Hauptsache Schengen. Wer nach einer Reise um die halbe Welt in einem der europäischen Staaten angekommen ist, die das Abkommen von Schengen unterzeichnet haben und deshalb auf Grenzkontrollen untereinander weitgehend verzichten, der ist ziemlich sicher vor der Verfolgung durch Polizisten und Grenzbeamte. Er kann unbehelligt weiterziehen – von der Straße von Gibraltar bis zum Nordkap, vom Neusiedler See bis zu den Geysiren Islands.

Franz Josef Strauß prägte einst den Ausdruck "Wirtschaftsflüchtlinge". Diese Menschen sollten nicht in den Genuss des großzügigen deutschen Asylrechts für politische Flüchtlinge kommen. Von den Hunderttausenden, die heute Jahr für Jahr illegal aus Osteuropa, Asien, Afrika und Lateinamerika nach Westeuropa umsiedeln, sind die allermeisten Wirtschaftsflüchtlinge. Politische Flüchtlinge schaffen es hingegen nur selten, die Grenzen ihres Heimatlandes zu überwinden.

In die Schlagzeilen gelangen die Dramen auf hoher See. Unbemerkt aber kommen Tausende bequem mit dem Flugzeug und Zigtausende mit Bus, Bahn und Auto, mit einem gültigen Touristenvisum in der Tasche, um nach drei Monaten unterzutauchen und zu bleiben. Oft haben sie Verwandte oder Bekannte vorausgeschickt. Sie verhelfen den Neuangekommenen zu einem Job und einer Unterkunft. In Familiennetzen werden die meisten Flüchtlinge aufgefangen. Zum Beispiel: Der älteste Sohn eines pakistanischen Clans macht sich als Erster auf den Weg nach Hamburg. Dort angekommen, arbeitet er zunächst im Restaurant eines Freundes, von sechs Uhr abends bis sechs Uhr früh, schickt Geld nach Hause, holt den Bruder nach und schließlich die ganze Familie.