Am Strand spielen nur noch ein paar spanische Kinder. Den schwarzblauen Himmel marmorieren milchige Wolken, Hotellichter glitzern den Hang hinauf, und die Architektursünden von Los Christianos bemäntelt Dunkelheit. Es ist abends neun Uhr. Im Kurhotel Mar y Sol warten zwölf Gäste auf Ecky Bogner. Der Mann, der gleich als Caveman auftreten wird, verschwindet hinter der Bühne. Sissi Arnold, seine Frau und Kollegin, sitzt an der Kasse und sagt: "Wir warten noch zehn Minuten, da kommen noch welche." Wenn die Kleine Komödie Teneriffa auf Hotelbühnen gastiert, erhalten die Gäste des Hauses verbilligten Eintritt.

Viertel nach neun schließt Sissi die Tür, dimmt das Licht, und während urzeitliche Gesänge erklingen, zieht Ecky Bogner die pinkfarbenen Vorhänge auf, wirft sich eine Wolldecke über die Schultern und behauptet, mit der rauen Stimme des steinzeitlichen Höhlenmenschen: Männer sind keine Scheißkerle, sie sind nur anders als Frauen. Der Unterschied beruht auf Hunderttausenden Jahren Höhlenleben, während deren die Frauen Sammlerinnen waren, die Männer hingegen Jäger… Dieser Monolog stammt aus einem der erfolgreichsten Stücke der letzten Jahre – in Kapstadt, in New York, im Hamburger Schmidts Tivoli ist es gelaufen, und einen ganzen Sommer lang auch auf den kargen Hotelbühnen von Teneriffa. Ecky Bogner spielte den Caveman, immer persönlich, immer pointiert. Auch heute Abend spürt man, dass er das ewige Missverstehen zwischen Mann und Frau ernst nimmt. Das ist es wohl, was das Teneriffa Magazin jubeln ließ: "Übertraf alle Erwartungen und veranlasste selbst alteingesessene Bogner-Fans zu stürmischen Applaus-Einlagen." Auch im Mar y Sol ist man begeistert, am Ende bedankt sich ein ortsansässiges Paar: "Weitermachen – nicht aufgeben!"

Bogners klappriger silberner Rover 260 ist mit Theaterwerbung gepflastert. Überlebensgroß prangt das Gesicht des Helden mit dem Dreitagebart auf der Motorhaube, daneben Wegskizzen zu den Spielorten. "Eine mobile Litfaßsäule", sagt Bogner. Er fährt durch die Schreckenslandschaft von Las Américas. Links und rechts Beton, Leuchtreklamen und Plastik, Boutiquen, Discos, Sexshops und riesige Shopping-Malls, dazwischen massenweise krebsrote bis grillhähnchenbraune bierbäuchige Urlauber samt Anhang. Kann man hier ein Theater betreiben? Bogner wird laut. "Eine richtige Bühne hatten wir, für fünf Millionen Peseten, mit Licht, mit Stereo und rotem Vorhang, und dann haben sie alles zusammengehackt. Alles war Schrott." Mit eigenem Geld hatten sich Ecky Bogner und Sissi Arnold in einem Hotel ihr Theater gebaut. Jedes Jahr spielten sie zwei Stücke, dazu kamen Gastspiele aus Deutschland und Spanien. Ein Café Teatro sorgte für Zusatzeinnahmen. Aber dann verkaufte der deutsche Besitzer das Hotel, und der spanische Nachfolger wollte den Theaterbetrieb nicht fortsetzen. "Nach ewigem Hin und Her hieß es, wir müssten unsere Sachen abholen. An einem Samstag sind wir mit dem Laster zum Hotel gefahren. Aber da ließen uns die Arbeiter nicht rein. Am Montag, als wir dann endlich in unser Theater durften, war alles zusammengeschlagen, sogar die Musikanlage und die Scheinwerfer."

Seitdem Sissi Arnold die Bühne 1988 mit Kollegen vom Wiener Raimund-Theater gründete, ging es ständig auf und ab. Oft fielen Darsteller aus, und einmal brach sich Bogner bei einem Joggingunfall beide Hände, in der lukrativsten Zeit, zwischen Weihnachten und Neujahr. Dann lud man die renommierte Gruppe Replika Teatro aus Madrid ein. "Anderthalb Millionen Peseten hat uns das gekostet, und dann kamen zehn Leute pro Vorstellung." Mit dem Ein-Mann-Stück Caveman machte Bogner aus der Not eine Tugend. Inzwischen hat er Spielstätten im Süden der Insel gefunden, die Finca del Arte, ein deutsches Kulturzentrum, und das Playa Sur Hotel am Surfer-Strand von El Medano.

Die Saison ist kurz. "Ende Oktober, wenn es in Europa kalt wird, dann kommt mein Publikum", sagt Bogner, "die Langzeittouristen, die Winterschwalben." Pauschaltouristen von TUI oder Neckermann gehen nicht ins Theater. Caveman läuft meist vor 15 bis 20 Zuschauern. Wie finanziert man damit ein Theater, mag es noch so klein sein? Bogner holt das vierfarbig gedruckte Programmheft hervor: "Sponsoren und Inserenten, Kreative und Publikum kreieren gemeinsam Begeisterung und Lebensfreude." Von Juni an war der Theaterdirektor unterwegs, um zu akquirieren. Vom Thai-Restaurant über deutsche Handwerksbetriebe und Möbelhäuser bis zum deutschsprachigen Radio Veronika: Sie bezahlen Bühnenbild, Lichtanlagen, Gastdarsteller, Regie. "Meine Arbeit rechne ich sowieso nicht."

Die Macher der Kleinen Komödie – der einzigen nicht subventionierten deutschen Bühne im Ausland, wie sie stolz verkünden – können von ihrer Kunst nicht leben. Sissi gibt in der Finca del Arte Kasperletheater für die Kinder, und Bogner arbeitet dort als Gärtner. Als demütigend empfindet er das nicht. "Ich wollte immer im Alter körperlich arbeiten. Damit ich fit bleibe." Bogners Weg zur Bühne führte durch "die Schauspielschule des Lebens", wie er selbst es nennt. Bis zu seinem 32. Lebensjahr war der gebürtige Tiroler Bauingenieur – und häufig Gast in Kitzbüheler Nobel-Discos. "1976 quatscht mich an der Theke so ein langhaariger Typ an, ich würde echt gut aussehen, hätte ein fotogenes Gesicht. Du, hab ich gesagt, ich steh aber auf Mädels." So lernte Bogner den Modefotografen Frank Schreyer kennen. Bald arbeitete er wochenendweise als Model und Dressman. "Irgendwann hab ich festgestellt, dass ich an zwei Tagen mehr verdiente als den ganzen Monat im Büro." Bogner bereiste als Model die halbe Welt. "Als ich nach New York kam, da hab ich mich umgeguckt und gedacht: Ihr werdet mich kennen lernen. Und ein Jahr später ist mein Gesicht auf jeder zweiten Plakatwand." Kleine Fernsehrollen und Auftritte in Werbespots folgten. In der Heimat wurde Bogner zum Society-Star, der dem Klatschreporter der Kronenzeitung allerhand Stoff lieferte. Der "schnauzbärtige Tiroler Feschak" schmückte Karnevalswagen, gründete ein Stehbeisl, das wie ein Filmstudio ausgestattet war, und fuhr stets mit einem weißen Traktor durch die Stadt, ohne Nummernschild, Höchstgeschwindigkeit 10 Kilometer in der Stunde. "Einen Porsche fährt jeder Erstbeste in Wien, aber wenn ich in meine Stammbeisl kam, hab ich nicht den Autoschlüssel auf den Tisch gelegt, sondern die Kurbel von meinem Traktor." Viermal war Bogner verheiratet, lange gehalten hat es nie. Einmal wurde er in Deutschland mit vorgehaltener Pistole verhaftet, weil er die Unterhaltszahlungen für seine Tochter in Hamburg vergessen hatte.

Und irgendwann lernte er Sissi kennen. Die war richtige Schauspielerin, hatte mit Peter Alexander gedreht und mit Zarah Leander auf der Bühne gestanden. Sie vermittelte Bogner kleine Bühnenrollen. Der Dressman entschloss sich, noch einmal ein neues Leben zu beginnen. Er nahm Schauspielunterricht, und Sissi holte ihn schließlich nach Teneriffa. Zusammen sind die beiden jetzt seit 15 Jahren auf der Insel.