Sie haben gesagt, man soll jedes Jahr einmal zum Zahnarzt gehen. Der Zahnarzt trägt die Besuche mit dem Stift in so ein kleines Heftchen ein. Später, wenn die Zähne dann ausfallen, geht man mit dem Heftchen zum Staat und kriegt auf das künstliche Gebiss Rabatt. So habe ich es jedenfalls verstanden. Ich gehe deswegen seit Mitte der Neunziger jedes Jahr zum Zahnarzt, das kostet mich und die deutsche Volkswirtschaft auf völlig sinnlose Weise einen halben Tag. Meine Zähne sind nämlich top. Da ist nie was dran. Keiner meiner Eltern hat ein Gebiss, bis heute nicht. Wir haben seit Jahrhunderten alle Superzähne. Wir putzen natürlich auch fleißig. Aber ich dachte, ich will auf jeden Fall diesen Rabatt haben. Vielleicht schreibe ich mal etwas, das jemanden verärgert, und derjenige schlägt mir im Affekt alle Zähne aus.

Jetzt sagen sie, dass wir unsere neuen Zähne auf jeden Fall hundertprozentig rabattfrei selber bezahlen müssen. Das kleine Heftchen, das ich jahrelang auf staatliche Weisung geführt habe, war für die Katz. Und wenn ich zum Zahnarzt gehe, zahle ich in Zukunft zehn Euro. So ist es doch, oder? Bis gestern sollte ich unbedingt hingehen zum Zahnarzt, dafür gab es Geld. Jetzt soll ich, wenn ich Geld sparen will, zu Hause bleiben.

Sie haben gesagt: Man soll für das Alter vorsorgen. Ich habe Aktien gekauft. Deutsche Bank. Daimler. Konservative Werte. Und einen Fonds. Natürlich ist das Geld zu wesentlichen Teilen verschwunden. Wenn ich das Geld auf exzessive und geschmacklose Weise mit Marion und Desiree im Grünen Kakadu verjubelt hätte, blieben mir für mein Alter wenigstens einige angenehme Erinnerungen. Das wäre eine Art psychologische Altersvorsorge gewesen. Die einzige Aktie, die es gebracht hat, war ein Tipp aus der Zeitschrift Der Spekulant. Es handelte sich um eine amerikanische Firma, die sich auf den Bau von Terroristengefängnissen spezialisiert hat. Aber ich habe aus blödem Sicherheitsdenken zu wenig in diese Terroristengeschichte investiert. Ich habe dem nichtsnutzigen, verlogenen Staat mehr geglaubt als der grundsoliden Zeitschrift Der Spekulant.

Dann habe ich noch eine Lebensversicherung. Jeden Tag lese ich in der Zeitung Horrornachrichten über die Lebensversicherungen. Entweder gehen sie Pleite oder werden versteuert oder werfen keine Rendite ab. Ich hätte Gold kaufen sollen. Sachwerte. In Der Spekulant haben sie zu Silber geraten. Oder ich lasse mich lasern. Ich bin Brillenträger. Brillen werden auch nicht mehr bezahlt. Meine Augen ändern dauernd die Stärke. Bei manchen lassen die Zähne nach oder der Geist oder sonst was, bei mir vorerst nur die Augen. Wenn ich mich aber an den Bindehäuten lasern lasse, muss ich nie mehr für eine Brille zahlen. Es wäre eine sinnvolle Altersvorsorge. Aber hat man von diesem niederträchtigen, verkommenen Staat jemals den Rat gehört: "Ältere Brillenträger! Lasst euch lasern!"?

Diese Kolumne werden ich schreiben müssen, bis ich tot umfalle. Vielleicht erlischt nach und nach mein Geist. Vielleicht sehe ich eines Tages die Buchstaben nicht mehr. Dann schreibe ich mit den Zähnen weiter.

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