Matthias Platzeck, 49, wurde in Potsdam geboren. Der studierte Diplomingenieur engagierte sich bei den Grünen der Wendezeit. Er wirkte am Zentralen Runden Tisch mit, gehörte dem Kabinett von Hans Modrow an, saß in der Volkskammer, im Bundestag, im Brandenburger Landtag und wurde dann Umweltminister in Brandenburg. 1993 brach Platzeck mit den Grünen, Mitte 1995 trat er in dei SPD ein, 1989 wurde er Potsdamer Oberbürgermeister. Im Juni 2002 beerbte er Manfred Stolpe als brandenburgischer Ministerpräsident. Platzeck hat drei Töchter. Hier träumt er von den relativierenden Weiten des Weltalls.

Als wir unsere Erdumlaufbahn erreichen, darf ich mich endlich abschnallen. Meinen Anzug, den Helm, die vielen Drähte und Versorgungsschläuche, die beim Start so furchtbar auf mir gelastet haben, spüre ich auf einmal nicht mehr. In Schwerelosigkeit, denke ich, müsste man auf der Erde auch ab und an mal schweben können. Vielleicht fühlt sich ja dann nicht nur das Körpergewicht, sondern auch manche irdische Last ganz leicht an – wer weiß?

Mein Traum handelt davon, einmal Mutter Erde verlassen zu haben und zu sehen, wie dieses sagenumwobene Blau auf mich wirkt, von dem alle Raumfahrer bei ihrer Rückkehr berichten. Es ist ein wunderbares Gefühl, wie die Zeit stehen zu bleiben scheint, wenn sich mein Raumgefährt fast unsichtbar vorwärts bewegt und dabei meinen Heimatplaneten umkreist. Seit ich Ministerpräsident von Brandenburg bin, vermisse ich ein Gefühl sehr stark: Zeit zu haben, für Hobbys, für Träume.

Aus Kinder- und Jugendzeiten kenne ich noch sehr gut die Namen der Flugkörper, Tiere und Menschen, die die Erde in Richtung Kosmos verließen: Sputnik, Apollo, die Hündin Laika, der Kosmonaut Jurij Gagarin und die erste Frau im Weltall, Walentina Tereschkowa, die Erdumkreisung von Glenn, das Mondvehikel Lunochod. Ich hatte aufgrund meines Alters nur vage Vorstellungen davon, was es bedeuten könnte, das Weltall zu erforschen. Am 20. Juli vor 34 Jahren betrat Neil Armstrong den Mond – welch eine Sensation! Damals, mit 15 Jahren, dachte ich: Ob ich da jemals hinkommen würde?

Aber näher als der Kosmos lag die Welt jenseits der Mauer, hinter der ich aufwuchs. Stacheldraht, Betonplatten, Selbstschussanlagen und Minenfelder zu überwinden, das weite Land und die Welt dahinter kennen zu lernen – das, dachte ich, wäre wohl meine erste Mondlandung. Als es dann so weit war 1989, fühlte ich mich, als begänne ich eine Reise, die der in einen fremden Kosmos nicht unähnlich wäre: fremdes Territorium, fremde Sprachen, fremde Sitten. Ja, ich bin nach meinem Zwangsaufenthalt in meiner Heimat DDR von den Fremden gut aufgenommen worden – aber vorhersehen konnte man das natürlich nicht. Viel zu ungenau und vernebelt waren die Vorstellungen, viel zu einseitig und politisch verbrämt schilderte man mir die andere Welt jenseits des Sozialismus, die mir damals so entsetzlich fern schien wie die Weiten des Alls. Obwohl damit beschäftigt, das dumpfe Gefühl der Unwissenheit abzustreifen, das Neuland sozusagen unter den Pflug zu nehmen, schwang bei meinen vielen Ausflügen in Richtung Westen immer ein Traum mit: Wenn die Natur dieser Welt schon so facettenreich ist, wie sieht dann erst die Welt jenseits meiner Vorstellungskraft aus? Ich hielt meinen Traum allerdings immer mit festen Zügeln. Mich allzu sehr vergaloppieren in Richtung Unendlichkeit, das wollte ich auch nicht. Einmal auf den Mond, dachte ich, einmal von oben auf die Meere, Inseln und Kontinente sehen – das muss als Ziel erst mal erreicht werden.

Politik machen heißt ja auch, dass man sich freiwillig der Mühe unterwirft, mit beiden Beinen fest auf der Erde zu stehen. Visionen spielen in der Politik ja längst nicht mehr die Rolle, wie es vielleicht zu Zeiten der beginnenden Industrialisierung oder in den Epochen zuvor gewesen sein mag. Die Menschen haben sich heute doch größtenteils eingerichtet in dieser Gesellschaft, der die Wirtschaft den Takt vorzugeben scheint. Machbar ist, was man bezahlen kann, könnte man meinen, der Rest bleibt erst einmal (leider) Utopie. Dennoch gestatte ich es mir, Gedanken, die die Zukunft sein könnten, freie Bahn zu geben. In meinem Traum bin ich zwar in dieser Weltraumkapsel; ich reise mehrmals um die Erde – ja, ich betrete sogar den Mond. Doch passiert noch etwas Spannenderes: Ich werde das Opfer eines Zeitstrudels, der mich in die ferne Zukunft zieht und mir einen Blick auf mein Land von morgen eröffnet.

Da erstaunt mich eines ganz besonders: Das Bewusstsein der Menschen gegenüber ihrer natürlichen Umwelt hat sich verändert. Nicht mehr der Mensch gibt der Natur den Takt vor, sondern er hat sich mit seiner Umwelt "geeinigt". Energien werden ausschließlich aus Wind, Sonne und Wasser gewonnen; Flächen, die heute brachliegen, weil die Produktion von landwirtschaftlichen Gütern niedrig gehalten werden soll, sind rekultiviert worden; Felder, Wiesen und Wälder haben ihre natürlichen Gestalten wiedergewonnen und haben nicht mehr künstlich-zerstückelte Formen. Kriege um Wasser und Energie, wie wir sie heute befürchten müssen, haben die Menschen zur Einsicht gebracht, dass man sich niemals an etwas vergehen darf, aus dem man kommt und von dem man lebt.

Dass es John Glenn nicht aushielt und er mit 77 Jahren noch einmal ins All startete, zeigt mir, dass es "da oben" eine andersartige Energie geben muss, die einen so in den Bann zieht, als sei man willenlos geworden. All jene, die von ihren Weltraumabenteuern zurückkehrten, sprachen von einer Sucht, die sie befallen habe und von der sie wohl niemals mehr loskämen. Ich stelle mir vor, dass man mit dem so viele Kilometer überwindenden Blick aus dem Weltall auf die Erde einen neuartigen Abstand von sich und seinem bisherigen Leben mit Schule, Arbeit und Karriere bekommt: Vielleicht definieren sich die Probleme auf Erden von da oben nur noch als nichtig und klein. Ich will es wissen. Ich will nach oben.