Manchmal haben kleine Bücher große Wirkung. Das Taschenbuch von Ha-Joon Chang könnte so ein Buch sein. Das Werk des Forschers von der Universität Cambridge entwickelt sich gerade zu einer Art Bibel der klügeren Globalisierungskritiker. Kicking away the Ladder - auf gut Deutsch "Steine in den Weg legen" - bietet allen, die gegen die Liberalisierungsideen der Welthandelsorganisation WTO protestieren, das nötige intellektuelle Futter.

Und zwar in bester Qualität.

Chang will wissen, warum die Armen arm sind. Deswegen untersucht er, wie die reichen Länder reich geworden sind - und kommt dabei zu einem interessanten Ergebniss: Ihre Rezepte waren nicht die, die sie heute den Entwicklungsländern empfehlen. Im Gegenteil. "Die meisten hatten eben nicht auf die Liberalisiserung der Märkte gesetzt, sondern "schlechte" Politik benutzt: Sie betrieben Industriepolitik, den Schutz von jungen Industrien und die Subvention von Exporten" - also genau das, was die starken WTO-Mitglieder weltweit ausrotten wollen und wogegen sie auch vor zwei Monaten bei dem gescheiterten WTO-Treffen im mexikanischen Cancún heftig Front machten.

Der Entwicklungsexperte Chang zieht daraus eine böse Schlussfolgerung. Er behauptet, dass die Mächtigen bewusst oder unbewusst die wahren Gründe des Erfolges verschweigen: "Wenn jemand den Gipfel der Macht erklommen hat, dann ist es ziemlich klug, einfach die Leiter wegzustoßen, auf der er nach oben gekommen ist."

Wer nun meint, Chang sei einer der üblichen Verschwörungstheoretiker, die im Weißen Haus nur Mörderbanden und bei IWF und Weltbank tumbe Handlanger der Mächtigen vermutet, macht es sich zu leicht. Der Mann ist Wissenschaftler, und er arbeitet wissenschaftlich. Allerdings greift er - anders als die tonangebenden neoklassischen Wirtschaftswissenschaftler - auf die induktiven Methoden der historischen Schule zurück. Statt abstrakte ökonomische Gesetze zu formulieren, analysiert er die Vergangenheit einzelner Länder und ermittelt Regeln für wirtschaftlichen Erfolg. So kommt er zu dem Ergebnis, dass die USA, England, Deutschland, Japan, Korea, Taiwan und die meisten anderen Wirtschaftsmächte entgegen vorherrschender Meinung auf unorthodoxe Methoden zurückgegriffen hätten. Deutschland erlaubte Produktpiraterie und kopierte so die Erfolge anderer. England verbot den Kolonien lange die Produktion von Industriegütern und verhinderte so unliebige Konkurrenz. Die USA senkten ihre Zolle erst, als sie schon auf dem sicheren Weg zur ökonomischen Weltmacht Nummer eins waren. Und Korea und Taiwan förderten gezielt ihre Schlüsselindustrien. All das sollen Entwicklungsländer heute nach allgemeinem Rat tunlichst lassen.

Sicher beschreibt Chang nur einen Teil der Wahrheit, sicher lassen sich die Erfolge der Industrieländer nicht nur auf "schlechte" Wirtschaftspolitik zurückführen. Doch der Reiz seiner Argumente liegt darin, dass er radikal und brillant gegen die herrschende Meinung anschreibt. Der Wunsch, den er am Ende des Buches formuliert, klingt daher einleuchtend - selbst wenn man nicht all seine Einschätzungen teilt: Gebt den Entwicklungsländern mehr Spielraum, ihren eigenen Politikmix zu finden. Denn das sei der wichtigste Luxus, den die Reichen einst hatten.

Ha-Joon Chang: