Im Alten Testament (1. Mose, 3,19) wird unser Schicksal besiegelt: "Denn Erde bist du, und zur Erde sollst du zurück." Auf den meisten deutschen Friedhöfen wird uns 25 Jahre Zeit gegeben, um der biblischen Aufforderung Folge zu leisten.

Automatisch tut jeder sein Bestes, um die körpereigenen Eiweiße, Fette und Kohlenhydrate zu kompostieren. Der Zersetzungsprozess startet umgehend nach dem Tod. Da endet die Sauerstoffzufuhr. Im Gewebe beginnt es zu gären. Einst für den Stoffwechsel zuständige Enzyme lösen die Zellstrukturen auf. Die im Darm versammelten Bakterien erobern Neuland. Sie verteilen sich – über Eingeweide und Blutbahnen – im Körper. Bei diesen anaeroben Fäulnisprozessen verwandeln sich unsere Innereien in die Abbauprodukte Kohlendioxid, Wasser, Methan, Alkohol und organische Säuren. Aus uns wird Schwefelwasserstoff, Wasserstoff, Ammoniak. Es entweichen geruchsintensive Amine wie Cadaverin und Putrescin.

Verflüssigtes Körpergewebe läuft aus. Mit dem langsamen Flüssigkeitsverlust startet die zweite Phase. Es bedarf der Sauerstoffzufuhr von außen, damit sich auch aerobe Bakterienarten an uns gütlich tun. Genauso legen sich Schimmelpilze ins Zeug und was sonst noch im Boden kreucht und krabbelt. Hat die Grabfauna ihre Arbeit getan, verbleiben im Boden Knorpel- und Bindegewebereste, Huminsäuren und das Skelett. Irgendwann kommt der Bagger. Er schaufelt die Gebeine heraus, macht Platz für den Nächsten.

Leider aber holen Friedhofsgärtner hierzulande oft mehr aus dem Boden raus, als ihnen lieb ist. Vom vielen Verwesen ermüdete Böden, moderne Kleidung, robuste Särge, stetes Blumengießen haben das Verfalldatum sterblicher Überreste hinausgeschoben. Statt ein paar Knochen liegen zwischen halb verfaultem Sargholz manchmal unverweste Leichen – und das nach einem Vierteljahrhundert Verweildauer in der Unterwelt. Bricht nämlich, wie der Luzerner Bodenkundler Ivo Willimann im Fachblatt Wasser & Boden schreibt, die Zersetzung "bereits im Fäulnisstadium" ab, dann kommt das Einswerden mit der Erde ins Stocken, und der Friedhofsgärtner begegnet beim Neubestellen des Grabes einer zähen Fettwachsleiche: einem gelblich bis grauweißen Körper, der sich mangels Sauerstoff durch die eigenen Abbauprodukte selbst konserviert hat. Jahrzehnte nach dem Tod eines Menschen stellt sich die Frage erneut: Wohin mit der Leiche?

Heinrich Kettler, Geschäftsführer der cemstra Grabkammersystem GmbH, weiß von Totengräbern zu berichten, die in solchen Fällen alte Mieter "tiefer gelegt" oder das Problem "mit dem Spaten klein gemacht haben". Um eine solche Störung des Totenfriedens von vornherein zu verhindern, rät er deshalb zur Grabkammer. Allein die Stadt Köln hat in den vergangenen zwei Jahren bei ihm in Ennigerloh 1750 Stück der 1,5 Tonnen schweren, rund 1000 Euro teuren Betonkisten geordert und in 15 ihrer Stadtteilfriedhöfe versenkt. Unsichtbar liegen nun die Verwesungsstätten reihenweise unter dem Rasen. Einmal eingebaut, sind sie mehrfach wiederverwendbar. Es müssen nur Blumen, Rasen und etwas Erde weggeräumt, der Deckel gehoben, der neue Sarg hineingestellt werden. Ausgelegt sind die Kammern auf eine Betriebszeit von 100 Jahren. "Aber sie halten weitaus länger", versichert Markus Böll, Pressesprecher der Firma Mall, die für cemstra den Beton zu Kammern gießt.

Der Trend zur Grabkammer hat einen entscheidenden Vorteil gegenüber dem Versenken des Sarges direkt in die Erde: Im 840 mal 2220 mal 720 Millimeter großen Hohlraum (Flachgrab, Modell Strauff) ist Platz für viel frische Luft. Schließlich braucht ein 80 Kilogramm schwerer Leichnam, wie Rainer Horn, Professor für Bodenkunde an der Universität Kiel, ausgerechnet hat, "gut 40 Kubikmeter Sauerstoff" für eine vollständige Verwesung. In vielen, von ungeeigneten Böden versiegelten Ruhestätten stünden einer Leiche aber oft nur zehn Liter Sauerstoff zur Verfügung.

Kettlers Firma cemstra garantiert einen optimalen Verwesungsprozess – mindestens 400 Liter Luft passieren täglich die serienmäßig eingebauten Geruchsfilter. Bei diesen Bedingungen machen sich im Innern der Grabkammer die Einzeller wie gewünscht ans Werk. Spätestens in acht Jahren haben sie es vollbracht. "Bei mir dauert es vielleicht ein bisschen länger als bei Ihnen", sagt Kettler und schielt lachend auf seinen Bauch.

Die Särge stehen im Grundwasser