Im Monopoly der russischen Raubprivati-sierungen während der neunziger Jahre konnte sich Michail Chodorkowskij fest auf Moskaus Parkstraße ansiedeln. Im Nobelvorort Schukowka, wo einst nur Sowjetgeneräle und Mitglieder des Politbüros ihr Datschenprivileg genossen, residierte er in einer Villa. Nun hat er sich verzockt. Am vorläufigen Ende seines sagenhaften Aufstiegs zum reichsten Mann Russlands zeigten ihm schwarz maskierte Geheimdienstkämpfer mit Sturmgewehren die Ereigniskarte für den direkten Weg ins Gefängnis. Sie verhafteten den Chef des viertgrößten privaten Ölkonzerns der Welt, Yukos-Sibneft, wegen Betrug und Steuerhinterziehung.

Die martialische Aktion ist Teil jenes Schauprozesses mit Durchsuchungen und Festnahmen, den die politisierte Staatsanwaltschaft seit Monaten gegen Chodorkowskijs Konzern führt. Am Samstag vergangener Woche wurde Yukos geköpft, und die Menge pfeift zustimmend. Die Mehrzahl der Russen hält die Gefängnispritsche für den natürlichen Aufent-haltsort der verhassten Superreichen. Doch der populäre Etappensieg der Staatsmacht ist zugleich Wladimir Putins Niederlage: Die größte Vertrauenskrise seit seinem Amtsantritt stellt Demokratie und Marktwirtschaft infrage.

Der Rachefeldzug gegen die Oligarchen ist politisch und ökonomisch motiviert. Der 40-jährige Chodorkowskij hatte Yukos seit drei Jahren für den Wettbewerb auf dem globalen Markt verschlankt und dabei die Schleier der Intransparenz zerrissen, die sonst die Kumpanei von Managern, Bürokraten und Politikern verbergen. Chodorkowskij gewann in der Verwandlung vom Oligarchen zum westtauglichen Wirtschaftsführer an Eigenständigkeit: Er finanzierte Kreml-kritische Parteien und Menschenrechtsgruppen und wurde zum Darling der Amerikaner, in dem er ihren Irak-Krieg unterstützte und schon mal einen PR-Tanker voll Öl nach Houston schickte. Im Februar kritisierte er auf einer Versammlung im Kreml sogar vor Putin unverblümt die Schmiergeldempfänger und Diebe in der Staatsbürokratie. Der Präsident revanchierte sich mit der düsteren Andeutung, dass die Privatisierungen der neunziger Jahre durchaus revidierbar seien.

In der damaligen Umbruchzeit machten sich alle Geschäftsleute zwischen unzulänglichen Gesetzen und habgierigen Staatsvertretern moralisch und juristisch schuldig. Allerdings werden die Opfer der Justiz heute politisch handverlesen. Während die meisten der Oligarchen sich bei Putin anbiederten, zeigte Chodorkowskij seinen eigenen, vom Erfolg berauschten Kopf. "Er hat das Gefühl für Gefahr verloren", konstatiert die liberale Politikerin Irina Chakamadat.

Der acht Milliarden Dollar reiche Freigeist geriet wenige Monate vor der Parlaments- und Präsidentschaftswahl zwischen die Fronten zweier Machtgruppen im Kreml: Auf der einen Seite kämpfen die ehemaligen Geheimdienstler um Einfluss, die dem Ex-KGB-Oberst Putin in den Apparat nachfolgten. Dabei bedienen sie sich der Sicherheitsorgane des Staates. Ihnen stehen die letzten oligarchennahen Vertreter der "Familie" um den früheren Präsidenten Boris Jelzin gegenüber. Am Montag bezog Putin, nachdem er sich monatelang nur sibyllinisch geäußert hatte, deutlich Stellung für die Geheimdienstler. Einen Dialog mit den besorgten Wirtschaftsvertretern lehnte er ab.

Der Präsident reißt aus Schwäche ein, was er selbst aufgebaut hat. Die Stabilisierung des Landes fällt seiner Unfähigkeit zum Opfer, für eine weitere Öffnung der Gesellschaft einzutreten oder zumindest die einzelnen Machtgruppen in Balance zu halten. Nachdem er noch vor kurzem betonte, der Verdacht auf Wirtschaftsverbrechen dürfe nicht ins Untersuchungsgefängnis führen, entlarvt die Verhaftung Chodorkowskijs die wahre Gesinnung Putins hinter seinen liberalen Schaufensterreden. Der Effekt auf die internationale Finanzwelt kann für den Investitionsstandort Russland verheerend sein.