Die These, dass Vereinfachung mehr Gerechtigkeit bedeutet, stellt meines Erachtens eine zu starke Vereinfachung dar. Was ist daran empörend, wenn Bildung oder das Sichauskennen Vorteile bringt, zumal durch das Internet der Zugang zu Informationen erleichtert wurde? Komplexität lässt sich auch vermeiden, wenn man nur das für sich Relevante herausholt. Man kann doch Auto fahren, ohne das Geringste mit Motoren im Sinn zu haben.

Ebenso reicht es für den Normalbürger zu wissen, dass er mit der Riester-Rente seine Altersbezüge aufbessern kann. Für die Details sind die Versicherungen und Banken da. Kompliziert wie der Schaltplan eines Kraftwerks wird diese Altersvorsorge dann, wenn es darum geht, angesichts der Unsicherheit zukünftiger Vermögensverhältnisse, der allgemeinen Wirtschaftsentwicklung et cetera die optimale Anlagestrategie auszuwählen.

Diese Komplexität ist aber nicht staatlich verordnet, sie liegt in der Natur der Sache.

Der Gesetzgeber hat es hierbei vielmehr gut gemeint und dem mündigen Bürger Wahlmöglichkeiten eröffnet. Nicht auszudenken, wenn dies nicht der Fall wäre.

Zu starr, zu unflexibel lautete der Aufschrei der Nation. Entrüstete Bürger hätten sich womöglich schon bis vors Verfassungsgericht geklagt.

Darin liegt überhaupt das Problem. Einfache Vorschriften, die den Einzelfall ausklammern, bieten viel Interpretationsspielraum, den dann die Gerichte ausfüllen würden. Dies bedeutet eine Verschiebung des Gewichts von der Legislative zur Judikative. Mit einfacheren Regeln erreicht man eben nicht zwangsläufig mehr Vereinfachung, Transparenz und Demokratie, sondern eventuell eher weniger.

Jeanette Klein Dannstadt-Schauernheim