Ganz unsentimental entledigten sich die Tories dieser Tage ihres untauglichen Führers Ian Duncan Smith. In einer ungewohnten Demonstration der Einigkeit werden sie diese Woche Michael Howard zu ihrem neuen Chef küren, wenn nicht doch noch in letzter Minute ein ehrgeiziger Torypolitiker seinen Hut in den Ring wirft und diesen Schritt damit rechtfertigt, den Parteimitgliedern eine Alternative bieten zu wollen. Wahrscheinlich ist das allerdings nicht.

Die Tories scheinen sich damit wieder zu fangen. Ein erstes Indiz der Besserung ist die Entscheidung für Professionalität und Kompetenz. Nicht einmal der politische Gegner spricht dies dem 62 jährigen Howard ab, wie erstaunlich man seine politische Wiedergeburt sonst auch finden mag. Als er 1997 Führer der geschlagenen Tories werden wollte, ließ man man ihn mit kaum verhülltem Entsetzen abblitzen. Er galt als Wählerschreck und Verlierer.

Ebenso bemerkenswert ist die abrupte Entmachtung der konservativen Basis. Den Mitgliedern der Partei hatte man nach der Wahlniederlage von 2001 unvorsichtigerweise das Recht eingeräumt, künftig als letzte Instanz per Stichwahl über den Parteiführer zu entscheiden. Wie oft in den düsteren Monaten der Hoffnungslosgkeit unter Ian Duncan Smith wurde konservativen Dinnerzirkeln über diese unselige Regel lamentiert. Bis 1964 hatte sich das Establishment der Partei hinter verschlossenen Türen auf den Führer geeignet, danach wurde die Unterhausfraktion das alleinige Entscheidungsgremium, bevor man sich 2001 für direkte innerparteiliche Demokratie entschied. Nicht einmal Labour mochte sich vor dem demokratischen Prinzip derart tief verbeugen. Die Weisheit der Basis bescherte den Tories den schwächsten Parteichef aller Zeiten. Ian Duncan Smith besaß weder Charisma, noch Intellekt oder Führungskraft. Aber er teilte die Bauchgefühle einer überalterten Mitgliedschaft, die fernab der Realität des modernen Großbritanniens lebt und nicht begreifen kann, dass nur radikale Erneuerung ihre Partei vor dem Abstieg in die Bedeutungslosigkeit bewahren kann. Unter Ian Duncan Smith wären sie unweigerlich in eine dritte Wahlniederlage marschiert. Der nervös hüstelnde, rhethorisch hilflose Kahlkopf bot in den parlamentarischen Duellen mit Tony Blair ein Bild des Jammers. Er demoralisierte seine Fraktion im Unterhaus, in nachdenklicheren konservativen Zirkeln breitete sich tiefe Resignation aus.

Letztlich war es der schiere Überlebensinstinkt, der die Konservativen zum harten Schnitt trieb. Ohne den Wechsel an der Spitze hätte es keine Hoffnung auf die ersehnte Rückkehr zur Macht gegeben. So lautete die brutaler Botschaft aller Meinungsforscher. Und das, obgleich die Regierung Blair durch den Irakkrieg arg gebeutelt, ihr Nimbus als Partei der Modernisierung öffentlicher Dienste erheblich angekratzt ist und sich der Charme Tony Blairs abgenutzt hat. Dennoch darf Labour bei der nächsten Wahl in ca. zwei Jahren erneut mit einer satten Mehrheit rechnen. Das ist für die Tories eine schockierende Erkenntnis.

Die britischen Konservativen sind die erfolgreichste Partei in der Geschichte der westlichen Demokratie. Fast zwei Jahrhunderte lang besaßen sie ein Abonnement auf die Macht; mit Fug und Recht reklamierten sie das Etikett "natural party of government" für sich. Tories regierten, die anderen spielten Opposition. Das war der natürliche Lauf der Dinge. Und sie brachten große Premiers hervor: Peel, der die Konservativen zum Freihandel bekehrte, der "One Nation" Premier Disraeli, der sie an ihre Verantwortung für die gesamte Nation erinnerte, der Kriegspremier Churchill. Auf diese Liste gehört wohl auch Margaret Thatcher, die mit harter Hand den wirtschaftlichen und politischen Abstieg des Inselreiches beendete.

Wie Imperien und Institutionen können auch Parteien überflüssig werden und langsam dahinsiechen. Großbritanniens Liberale haben seit fast hundert Jahren nicht mehr regiert. Nun trachten sie danach, die Konservativen als Alternative zu Labour ablösen zu können. Der desolate Zustand der Tories nährte diese Hoffnungen.

Seit dem Ende der Ära Thatcher irrt die Partei orientierungslos in einer politischen Landschaft umher, die sich radikal verändert hat. Mit dem Kollaps des Kommunismus endeten die großen, ideologischen Kämpfe, aus denen die Konservativen im euphorischen Gefühl des totalen Sieges hervorgingen. Doch die Drachen, die die Eiserne Lady erfolgreich bekämpfte - übermächtige Gewerkschaften und sozialistische Verstaatlichungsfanatiker - sind längst besiegt. Zugleich offenbarten sich die Schattenseiten des neoliberalen Marktfundamentalismus, den der konservative Philosoph John Gray wegen seiner ökonomistischen Tendenz als "Maoismus von rechts" bezeichnet. Die neue Politik operiert immer stärker jenseits von links und rechts.