Über manche Abmachungen sprechen Regierungen nicht öffentlich. Bald nach dem Antritt des russischen Präsidenten im Jahr 2000 haben die Führer großer westlicher Länder einen vertraulichen, aber doch offenkundigen Deal mit Wladimir Putin geschlossen. Ein Tauschgeschäft in drei Teilen: Der Westen schweigt zur Entdemokratisierung Russlands, dafür garantiert Putin die Stabilität im Land. Europa und Amerika verkneifen sich Kritik am mörderischen Tschetschenien-Krieg, dafür schmiedet der Freund im Kreml eine "Diktatur des Gesetzes" (Putin) mit berechenbaren Regeln. Washington, Berlin, Paris und London glätten Russland den Weg in die globalen Wirtschaftsinstitutionen, dafür enteist Putin russische Rohstoffe im Permafrostboden zum Wohle westlicher Investoren und Importeure. Ein feiner Deal.

So dachte Gerhard Schröder. So dachten Tony Blair und Jacques Chirac, später auch George Bush und Condi Rice. Sie haben sich geirrt. In den vergangenen Tagen ist ihr Pakt mit Putin im Reißwolf gelandet. Der russische Präsident bleibt seinen Teil schuldig: Russland ist weder stabiler noch verlässlicher geworden und ein Rechtsstaat schon gar nicht. Derweil erhöhen Europa und Deutschland ihre Rohstoffimporte aus Putin-Land. Sie hängen zunehmend am Tropf eines Regimes, das willkürlich in die Wirtschaft eingreift und Demokratie für eine lästige Übung hält. Das gefährdet die Modernisierung Russlands, künftig gar die Rohstoffpipeline nach Westen.

Neo-autoritärer Staatsapparat

Wladimir Putin dirigiert derzeit als Hauptverantwortlicher eine Affäre, welche die aufstrebende russische Energiewirtschaft beschädigt: die Demontage des größten privaten Ölkonzerns Yukos. Die Moskauer Bürokratura beweist dabei, dass sie ihre beherrschende Position auch zwölf Jahre nach der Abwicklung der Sowjetunion nicht aufgeben will. Die Sicherheitsapparate sind erfahren. Sie haben bereits Fernsehkanäle auf die Wellenlänge des Kremls gezwungen, Wahlen frisiert und beide Häuser des Parlaments gleichgeschaltet. Doch gibt es nicht erfolgreiche Entwicklungsdiktaturen, in denen wenigstens Unternehmer Freiheit genießen? Nicht in Russland.

Es widerspricht der Logik eines neoautoritären Staatsapparates, Inseln der Unabhängigkeit zu respektieren. Vorige Woche hat die russische Justiz über vierzig Prozent des Yukos-Aktienpakets beschlagnahmt – das ist kein Betriebsunfall. Der Inhaber und Konzernchef Michail Chodorkowskij war dabei, den US-Konzern ExxonMobil zum Teilhaber zu machen und sich so der Kreml-Kontrolle zu entziehen. Da schnappte sich der Staat vierzig Prozent des Aktienpakets – und damit den privaten Weltkonzern. In den Augen des Apparats sind die Öl- und Gasproduktion Schlüsselindustrien, weil Russland eben nur Rohstoffe hat. Was immer Putin seinen westlichen Besuchern vorm wärmenden Kaminfeuer versprochen haben mag: Das ist nicht Liberalisierung, sondern Neonationalismus mit autoritärer Rüstung.

Deshalb ist das Schicksal von Michail Chodorkowskij so exemplarisch. Er ist am Montag von der Konzernspitze abgetreten und sitzt im Moskauer Gefängnis Matrosenruhe, wo er auf eine Karriere zurückblickt, die mit 40 vielleicht zu Ende ist. Natürlich ist er ein Oligarch. Chodorkowskij entstieg demselben Sumpf der späten Sowjetunion wie alle anderen Geschäftsgrößen. Mit Kognak handelte er, mit illegal genähten Jeans. Er gründete eine Bank, kaufte für ein Trinkgeld ein Ölunternehmen, ekelte andere Teilhaber raus – bis ihm alles gehörte. Die Justiz hatte ihn dafür, wie die meisten Finanzmagnaten, nicht zur Rechenschaft gezogen. Bis vor zehn Tagen.

Chodorkowskij wurde nicht verhaftet für die Art, wie er sein Geld gemacht hat, sondern dafür, wie er es in jüngerer Zeit ausgegeben hat. Er unterstützte die liberale Oppositionspartei Jabloko. Er schrieb Schecks aus für Wissenschaftler, die sich in kritischer Kremlinologie üben. Er prangerte den Krieg in Tschetschenien an. Er gründete die Stiftung Offenes Russland, sponserte Studenten, Schulen, Krankenhäuser. Seinen Konzern ließ er von westlichen Wirtschaftsprüfern durchleuchten. Chodorkowskij, das postsowjetische Schlitzohr, war auf dem Wege, sich vom Räuberbaron zum Philantrokapitalisten zu mausern.

Just solche Typen braucht Russland: Unternehmer, die sich aus der korrupten Tradition lösen, die etwas für die Bürgergesellschaft tun, die ihr Geld nicht im Ausland, sondern daheim investieren. Doch gerade diese Rockefellerisierung fürchtet der Staat. Er will keine entschurkten, sondern schuldige Oligarchen. So bleiben sie erpressbar und diszipliniert – Geiseln der Staatssicherheit, die über sie meterweise "Kompromat" (kompromittierendes Material) hortet.