Durch die Bücher russischer Schriftsteller und westlicher Historiker geistert seit Jahrzehnten ein Phantom-Schiff, genauer: eine Phantom-Tragödie, die alle Tragödien der Seefahrt im 20. Jahrhundert, vom Untergang der Titanic bis zur Estonia- Katastrophe, in den Schatten stellt. An Bord des Frachters Dshurma , so will es die Überlieferung, sollen im Winter 1933/34 im Packeis des arktischen Ozeans 12000 Strafgefangene erfroren sein. Obwohl man über die Katastrophe nur wenig weiß, wird die Geschichte seit nunmehr über fünfzig Jahren kolportiert und findet sich bei Alexander Solschenizyn und Andrej Sacharow genauso wie bei dem bekannten amerikanischen Sowjetologen Robert Conquest. Mal wurde sie dramatisch ausgeschmückt, mal auch in Zweifel gezogen, aber nichtsdestotrotz fleißig am Leben erhalten. Es fragt sich, warum Hollywood sie noch nicht entdeckt hat. Aber vielleicht ist sie ja einfach zu düster für die Traumfabrik. Denn angeblich hat kein einziger der Häftlinge das Drama in den eisigen Laderäumen überlebt; nur die Besatzung sei, halb wahnsinnig geworden, mit dem Leben davongekommen. Der Frachter "Dschurma", hier vor der Westküste der USA, diente den Sowjets als Sklavenschiff

Die Dshurma war eines jener Sklavenschiffe, auf denen der allmächtige sowjetische Geheimdienst Sträflinge in die Kolyma-Region im äußersten Nordosten des Riesenreiches transportieren ließ. Im Spätsommer 1933, heißt es, nahm der Dampfer in Wladiwostok 12000 Gefangene an Bord, fuhr durch die Beringstraße in die Tschuktschensee und blieb dort für einige Monate im Packeis stecken. Erst im Frühjahr 1934 kam das Schiff frei und erreichte den Hafen Ambartschik an der Mündung des Kolyma-Flusses – mit leeren Laderäumen. Die 12000 Gefangenen, so nahm man an, waren erfroren, ihre Leichen ins Meer geworfen worden.

Stalin braucht Gold für die Industrialisierung

Sowenig man über das Drama zu berichten weiß – kein Augenzeuge hat sich je zu Wort gemeldet –, so zuverlässig ist die Geschichte der Dshurma selbst überliefert. Auf den Namen Brielle getauft, lief das Schiff 1921 vom Helgen der Werft Nieuwe Waterweg in Schiedam bei Rotterdam. Mit 123 Meter Länge, rund 18 Meter Breite und knapp 7000 Bruttoregistertonnen war der Massengutfrachter ein ganz normales Schiff seiner Zeit. Während der Weltwirtschaftskrise in Bedrängnis geraten, verkaufte die Reederei, die Koninklijke Nederlandsche Stoomboot-Maatschappij in Amsterdam, die Brielle an die Sowjetunion. Von nun an hieß der Frachter Dshurma und wurde vor der Pazifikküste eingesetzt. Im Zweiten Weltkrieg lief er regelmäßig amerikanische Häfen der Westküste an, um gemäß dem Lend-Lease-Programm Kriegsmaterial für die Sowjetunion zu laden; mehrmals bezahlten die USA Reparatur und Wartung des Schiffes. In den sechziger Jahren wurde der Frachter abgewrackt.

Ursprung aller Katastrophenberichte über die Dshurma ist das 1947 erschienene Buch Forced Labor in Soviet Russia ("Zwangsarbeit in Sowjet-Russland") von David J. Dallin und Boris I. Nicolaevsky. Das amerikanisch-russische Sowjetologen-Team wollte die Quelle der Information nicht preisgeben und versicherte nur, dass die Ankunft der Dshurma in Ambartschik ohne die 12000 Gefangenen eine "voll und ganz beglaubigte Tatsache" sei. Obwohl der Nachweis fehlte, machte die Geschichte der Todesfahrt rasch Karriere. Nachdem Mitte der siebziger Jahre Alexander Solschenizyn sie in seinem Werk Archipel Gulag erwähnt hatte, übernahm eine Phalanx von Autoren die Geschichte. 1978 griff Robert Conquest die Katastrophe in dem Buch The Arctic Death Camps ("Die arktischen Todeslager") auf; Andrej Sacharow erwähnt sie in seinen Erinnerungen. Auch deutsche Wissenschaftler wie der Berliner Historiker Ralf Stettner (Archipel GULag: Stalins Zwangslager – Terrorinstrument und Wirtschaftsgigant , 1996) trugen die Nachricht weiter.

Falls auf der Dshurma tatsächlich 12000 Menschen gestorben sind, wäre das Unglück die größte Schiffskatastrophe aller Zeiten. Zum Vergleich: Beim Untergang der Titanic 1912 kamen "nur" 1490 Menschen ums Leben, die Wilhelm Gustloff riss, im Januar 1945 vor der ostpreußischen Küste von einem sowjetischen Torpedo getroffen, über 5000 Flüchtlinge in den Tod. Was die Todesfahrt der Dshurma aber so brisant macht, ist nicht allein die hohe Zahl der Opfer. Die Katastrophe erhielt eine geradezu unfassbare Tragik durch eine Rettungsaktion, die sich in der Nähe abspielte: Sie galt der 104-köpfigen Besatzung der Tscheljuskin, die sich nach dem Untergang ihres Schiffes in der Tschuktschensee im Februar 1934 auf eine Eisscholle hatte retten und ein Notlager aufschlagen können. Die Vereinigten Staaten boten an, die Havarierten mit eigenen Flugzeugen von Alaska aus zu retten, was innerhalb kurzer Zeit möglich gewesen wäre. Doch Stalin schlug das US-Angebot in den Wind. Unter den größten Schwierigkeiten brachten sowjetische Arktis-Piloten genügend Flugzeuge an die Küste Nordostsibiriens, um Anfang April 1934, nach zwei Monaten, die Besatzung vom Eis zu holen.

Man hat lange gerätselt, warum Stalin das Hilfsangebot ausschlug. Der Grund könnte gewesen sein, dass der Diktator die Stärke der Sowjetunion demonstrieren wollte. Die Tscheljuskin war auf die etwa 6000 Kilometer lange Nordostpassage geschickt worden, obwohl ihr Rumpf keine Eisverstärkung hatte und für die Fahrt ungeeignet war. Damit war die patriotische Demonstration, dass die Sowjetunion den nördlichen Seeweg auch mit normalen Schiffen bewältigen konnte, kläglich gescheitert. Nur eine Rettungsaktion, wie sie die Welt noch nie gesehen hatte, konnte die Blamage in einen Erfolg wenden. Daher mussten es sowjetische Piloten sein, welche die Besatzung der Tscheljuskin vom Eis holten.

Doch den Historikern reichte diese Erklärung nicht; für Stalins Stolz musste es einen anderen Grund geben. Man fand ihn im Schicksal der Dshurma : Amerikanische Piloten hätten auf ihren Rettungsflügen leicht den im Eis liegenden Todesfrachter entdecken können. Die Sowjetunion wäre völlig desavouiert gewesen. Mit diesem schwachen Argument gab sich die Wissenschaft zufrieden.