Meine Freunde lachen über mich. Sie lachen, weil ich hinter einem so niedrigen Steuer sitze, den Kopf auf der Höhe vorbeiwehender Mülltonnen. Sie lachen darüber, dass ich so hilflos wirke, so schwächlich in dem kleinen Ding mit den roten Ledersitzen, darüber, dass ich bereit bin, mich den Härten der Straße auszusetzen mit nur 68 PS, mit so wenig Durchsetzungskraft. Ich hätte einen richtigen Wagen testen sollen, sagen sie – einen, der anderen Respekt abringt durch sein Auftreten, der sich Platz verschafft durch seine Ausstrahlung. Einen, der was unter der Haube hat. Mit dem man zeigen kann, wo’s langgeht, wenn es nötig ist. Ich mochte dieses Auto auf den ersten Blick.

"Es ist ein Mädchenauto", sage ich.

"Ein Chefsekretärinnenauto", verbessert Katharina auf dem Beifahrersitz.

Wir gleiten durch Berlin, der Himmel ist weit, wir ernten Blicke von Frauen. Bewundern sie uns? Sind sie neidisch? Oder sind das nur blöde männliche Gedanken? Der Daihatsu Copen kommt aus Osaka und ist in Japan angeblich ein Verkaufsschlager. Er sieht aus wie ein geschrumpfter Porsche 911, obwohl das nur Mädchen behaupten würden. Oder wie ein aufgeblähtes Matchbox-Auto. Ich sage das mal so für die wenigen als Leser verbliebenen Jungs. Katharina ist auf die falsche Seite gegangen, als sie einsteigen wollte, denn das Lenkrad ist rechts. Sie scheint sich verblüffend wohl zu fühlen links neben mir, als säße sie selbst am Steuer; sie streckt die Beine, vielleicht sucht sie nach Pedalen. Viel lieber würde sie selbst fahren. Mein Knie stößt an den Schalthebel, mein Kopf fast an die Decke. Es ist zu kalt, um das Dach verschwinden zu lassen; es gibt dafür ein eigenes dekadentes Motörchen. Man darf also keine Probleme damit haben, sich klein zu machen, wenn man im Herbst ein Mädchenauto fährt. Eigentlich ist nur Platz für zwei Japaner, Luft zum Atmen und fünf CDs.

Aber: diese Anmut! Der Copen ähnelt einem Wassertropfen, der silbrig in die Welt gegossen ist. Er wurde wohl von außen nach innen gebaut; mehr Raum blieb am Ende nicht. Das konsequent Runde ist ein Schlüsselreiz – für Frauen und ein paar Ausnahmemänner. Es scheint den Designern um das Ewige zu gehen, um die höheren Prinzipien des Menschseins. Sie wollten die Sanftheit feiern, ein Mahnmal schaffen gegen die herrschende Aggression. Niemand kann diese Silhouette bedrohlich finden, knapp eineinhalb Meter breit. Man lässt die Kulleraugen-Scheinwerfer am besten auch tags an, um überhaupt gesehen zu werden. Der ins Runde zielende Designwille der Copen-Bauer hat überall gewirkt, auf Lampen und Knöpfe und Schriftzüge. Man wünscht sich, er werde bald auch den männlichen Körper unterwerfen, damit man im Copen bequemer fahren kann. Von Natur aus rundliche Körper passen sicher besser hinein.

"Der Wagen ist eine Designerhandtasche", denke ich laut. "Ich bin nur ein Gegenstand, der achtlos hineingeworfen worden ist. Der Fahrer, der dieses Auto kauft, muss ein fashion victim sein, das stolz ist auf die Ursache seiner Qualen. Dafür gibt es das Ding in acht Modefarben."

"Sei nicht so pedantisch", sagt Katharina und streckt sich noch ein bisschen. "Ich sitze ganz bequem."

Meine rechte Hand greift ins Leere. Natürlich, der Schalthebel ist ja links. Haben die Japaner den Wagen für den englischen Markt entworfen und waren zu faul, ihn für Deutschland umzubauen? Oder wollen sie Skeptikern wie mir die Gelegenheit geben, sich zu öffnen für neue Erfahrungen? Wir kommen auf die Autobahn. Ich gebe Gas. Unter mir rumpelt es, die Straße ist gefährlich nah. Die Reifen sind Spezialanfertigungen, sehr dünn. Der Motor knurrt mit ächzendem Unterton, der Spoiler schaufelt die Luft tief unten vom Asphalt. Wir rasen, so kommt es mir vor. Das ledergefasste Rennlenkrad liegt in der Hand wie ein Schuh von Gucci. Ich trete das Gaspedal voll durch, da ist noch ein bisschen Schwung, der orange glühende Tacho zeigt… 120Stundenkilometer. Der Geschwindigkeitsrausch ist eine Illusion. Es dauert lang, bis die Nadel zitternd bei 165 stehen bleibt. Zum Glück, denn der Copen ist bereits etwas wacklig. Nicht schlimm, kleiner Wagen. Ich bin in einem Renault 4 autosozialisiert, quasi weiblich geprägt. Ich bin langsames Fahren gewohnt.