Wenn das keine gute Nachricht ist: Deutschlands Eltern bewerten die Schule ihrer eigenen Kinder erstaunlich positiv. 56 Prozent geben ihr die Note Eins oder Zwei. Das zeigt eine repräsentative Umfrage unter 10000 Erziehungsberechtigten, die am Mittwoch dieser Woche vom Münchner Institut Infratest Sozialforschung und dem Bundeselternrat in Berlin vorgestellt wurde.

Und nun die schlechte Nachricht: Im Lauf der Schulzeit nimmt die Zufriedenheit der Eltern mit der Bildungsanstalt ihrer Kinder drastisch ab. Die Mütter und Väter der Erst- und Zweitklässler sind noch zu 68 Prozent zufrieden (Note Eins und Zwei), jene der Neunt- und Zehntklässler nur noch zu 46 Prozent. Damit zeigt sich in der Infratest-Untersuchung die gleiche Tendenz wie in den internationalen Schulvergleichsstudien Pisa und Iglu: Die Grundschule schneidet im Urteil wesentlich besser ab als die weiterführenden Schulen.

Sind die Alten zufrieden, lernt der Nachwuchs – das zeigen Studien – besser. Insoweit ist das elterliche Wohlgefühl durchaus ein Bildungswert an sich. Doch darf das Elternurteil nicht in jedem Fall für bare Münze genommen werden. So ist die von Müttern und Vätern "gefühlte" Qualität des Mathematikunterrichts an deutschen Schulen einfach Spitze – ganz im Gegensatz zu den tatsächlich erbrachten Leistungen der deutschen Schüler.

Besonders positiv fallen die Urteile der Befragten zudem aus, wenn sie ihren eigenen Anteil an der Bildung ihrer Kinder beurteilen sollen: Knapp zwei Drittel der Eltern geben an, ihrem Kind regelmäßig bei den Hausaufgaben zu helfen, 82 Prozent haben im vergangenen Jahr mit dem Lehrer über ihr Kind gesprochen, und satte 95 Prozent besuchten nach eigenen Angaben einen Elternabend oder Elternsprechtag. Das klingt 100-prozentig nach Gutenachtgeschichten.

Ehrlicher – und ernst zu nehmender – ist hingegen die Kritik der Eltern an den Mängeln der deutschen Schulen. So vermisst mehr als die Hälfte von ihnen die Hilfe der Schule, wenn Kinder individuelle Probleme haben, zwei Drittel sind unzufrieden mit den Fördermöglichkeiten für leistungsstarke und leistungsschwache Schüler. Auch die fehlende Betreuung der Kinder außerhalb des Unterrichts wird von der Mehrheit beklagt.

Ebenso wie die Pisa-Studie räumt die Infratest-Umfrage ganz nebenbei mit dem verbreiteten Stereotyp vom angeblichen Verfall der Familie auf. Nur in 12 Prozent der Haushalte bestehen "die Eltern" aus einem Elternteil. Die große Mehrzahl der Schüler lebt in stabilen Familienverhältnissen, überwiegend mit den leiblichen Eltern und Geschwistern.

Thomas Kerstan