Kurze Sätze, lange Wirkungen: Im September 2002, kurz vor der Bundestagswahl, verhedderte sich Hertha Däubler-Gmelin, die damalige Bundesjustizministerin, in einigen Formulierungen über George W. Bush und Adolf Hitler – und verspielte damit den Rest ihrer politischen Karriere. Gut ein Jahr später stürzte sich die gegenwärtige Bundesjustizministerin Brigitte Zypries mit einigen wenigen Worten in eine bioethische Debatte – und rechtfertigte damit in den Augen ihres Regierungschefs endgültig ihre Berufung zur Nachfolgerin von Hertha Däubler-Gmelin. Brigitte Zypries erfüllt im Grunde einen sehnlichen Wunsch des Kanzlers, der ihm von der Vorgängerin hartnäckig verweigert worden war. Denn am Jahresanfang 2001 hatte Gerhard Schröder sich eine bioethische Debatte "ohne ideologische Scheuklappen" erbeten. Was Hertha Däubler-Gmelin niemals gesagt hätte – Brigitte Zypries hat es ausgesprochen: Der menschliche Embryo soll nicht mehr unter dem absoluten Schutz der Menschenwürde stehen, wie er in Artikel 1 des Grundgesetzes verankert ist.

Die Justizministerin hat mit wenigen Fragen die vermeintlich festgefügten bioethischen Mauern zum Wanken gebracht. Sie hat damit neuerlich all jene aufgeschreckt, die um diese Tabus fürchten, wie zum Beispiel der vormalige Verfassungsrichter Ernst-Wolfgang Böckenförde. Die Würde des Menschen war unantastbar – so hat Böckenförde einen Aufsatz überschrieben, in dem er die Neubearbeitung des Artikels 1 durch den Bonner Verfassungsrechtler Matthias Herdegen im berühmten Kommentar Maunz/Dürig heftig kritisiert. Jetzt geht es nicht mehr nur um einen Kommentar-Abschnitt in einer Loseblatt-Sammlung – jetzt geht es um handfeste Politik.

So also lautet die Frage, mit der die Justizministerin die bioethischen Grenzpfähle versetzen will: "Der Embryo in der Petrischale hat lediglich die Perspektive, das auszubilden, was ich eben als die wesentlichen Bestandteile der Menschenwürde beschrieben habe. Die Frage ist nun: Genügt dieses Potenzial für die Zuerkennung von Menschenwürde im Sinne des Artikels 1 Grundgesetz?" Die lediglich abstrakte Möglichkeit eines Embryos in vitro, sich weiterzuentwickeln, reiche ihres Erachtens nicht für die Zuerkennung von Menschenwürde aus.

Was hat es nun mit dieser Figur des Embryos in vitro auf sich – faktisch wie rechtlich? Ein künstlich erzeugter menschlicher Embryo ist vielseitig zu verwenden. Man kann ihn einer Frau in die Gebärmutter einpflanzen. Man kann ihn aber auch der "verbrauchenden Forschung" zuführen. Dann allerdings würde die Möglichkeit, dass daraus jemals ein voll entwickelter Mensch werden könnte, regelrecht abgetötet. Welche verfassungsrechtlichen Schranken stünden einem solchen Verbrauch keimenden menschlichen Lebens entgegen? Die Juristen stehen vor einem Dilemma. Der Artikel 1 des Grundgesetzes ("Die Würde des Menschen ist unantastbar") nennt zwar ein schlechterdings unangreifbares Rechtsgut; aber die Menschenwürde ist als Begriff nicht eben von großer Schärfe. Im Gegenteil, ihr eignet sogar eine tiefe innere Paradoxie: Zwar kann die einzelne Person als Träger der Menschenwürde sehr wohl fürchterlich geschändet werden – dennoch aber bleibt ihre Würde davon völlig unberührt. Der Jurist hätte es gerne etwas präziser und praktischer. Folglich liest er den 2. Absatz des 2. Artikels des Grundgesetzes und stößt dort auf den Satz: "Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit." Da es sich bei jedem menschlichen Embryo (auch in der Petrischale) unzweifelhaft um etwas handelt, was mit menschlichem Leben zu tun hat, müsste der Lebensschutz nach Artikel 2 doch eigentlich ausreichen, oder? Aber der Lebensschutz gilt nicht absolut. In Notwehr und Nothilfe darf eben zur Not auch der Tod des Rechtsbrechers in Kauf genommen werden – siehe den "finalen Rettungsschuss" der Polizei. Außerdem schickt der Staat seine Soldaten mit dem Risiko ins Feld, zu sterben oder zu töten. Der Jurist steht also vor einer misslichen Alternative: entweder ein absolut geschütztes, aber nicht präzise definiertes Rechtsgut (Menschenwürde) – oder aber ein recht präzise zu benennendes Rechtsgut (menschliches Leben), dann aber leider ohne absolut geltenden Schutz. Lässt sich dieses Dilemma auflösen?

An dieser Stelle wird eine Unterscheidung wichtig, die in der Kontroverse zwischen dem Verfassungskommentator Matthias Herdegen und seinem Kritiker Böckenförde allenfalls den juristischen Feinmechanikern deutlich wurde: Ist der Schutz der Menschenwürde ein selbstständiges Grundrecht mit vagem Rechtsgut (so Herdegen), oder ist dieser Artikel 1 eine Fundamentalnorm für alle anderen präzisen Grundrechte, wie es Günter Dürig, der Erstkommentator, 1957 geschrieben hat? In der ersten Variante (Herdegen) läuft der Artikel 1 neben den übrigen Grundrechten her – und im Zweifel eben auch einmal leer. In der zweiten Variante (Dürig, Böckenförde) wirkt der scheinbar unbestimmte Artikel 1 durch alle anderen Grundrechte hindurch und spitzt ihre verbindliche Interpretation zu.

Was bedeutet dies nun für den Embryo in vitro? Dass daraus, wenn überhaupt etwas, nur menschliches Leben werden kann, liegt ebenso auf der Hand, wie die Hindernisse auf diesem Wege allein in der Hand anderer Menschen liegen. Stützt man sich vorwiegend auf den Lebensschutz, muss man zwar einräumen, dass dieser Schutz nicht absolut gilt. Aber die Einschränkung dieses Lebensschutzes ist nur erlaubt, wenn es ein anderes, mindestens ebenso akut bedrohtes, konkretes menschliches Leben unmittelbar zu schützen gilt: im Falle der Nothilfe, der Notwehr, der Ultima Ratio im Kriege. Wo es keinen derart ultimativen Konflikt gibt, gibt es auch keine Einschränkung des Lebensschutzes. (Ob der Schwangerschaftskonflikt immer zu dieser Art von ultimativen Konflikten gehört, darf man bezweifeln – freilich ebenso, dass der strafrechtliche Zwang ein geeignetes Mittel ist, diesen Konflikt zu lösen.) Offenkundig geht es bei der forschenden Tötung eines solchen Embryos nicht darum, ein anderes, unmittelbar bedrohtes Leben auf der Stelle zu retten. Dieser ultimative Konflikt (Leben gegen Leben) wird hier niemandem aufgezwungen. Das vage Versprechen, dass eine derartige Forschung irgendwann einmal vielleicht dazu dienen könnte, noch nicht genau zu bezeichnende Krankheiten noch nicht genau bekannter Patienten zu heilen, begründet keinen unmittelbaren Konflikt, sondern nur eine imaginierte Hoffnung. Wer einen Embryo in der Petrischale erzeugt, erzeugt vielmehr selbst erst den "Konflikt", auf den er sich hernach berufen möchte; in Wirklichkeit übernimmt er – juristisch gesprochen – eine Garantenpflicht, für das Lebensrecht des von ihm Erzeugten einzutreten.

Wie kommt nun aber die Menschenwürde ins Spiel? Wenn man – verkürzt ausgedrückt: nach Herdegen – im Schutz der Menschenwürde ein selbstständiges Grundrecht sieht, bekommt man angesichts der Petrischale möglicherweise Probleme mit der Anschaulichkeit. Dient aber der Schutz der Menschenwürde – so Dürig – als Fundamentalnorm für alle übrigen Grundrechte, so hilft der Artikel 1 bei der Auslegung von Artikel 2, scharf zu unterscheiden zwischen einer Einschränkung des Lebensschutzes aus ultimativer Unausweichlichkeit und einer Verweigerung des Lebensschutzes aus utopischer Zweckmäßigkeit. Von Immanuel Kant stammt der Satz, wir dürften niemals einen Menschen (oder hier: menschliches Leben in einer seiner Entwicklungsstufen) nur als Mittel zum Zweck benutzen. Wer aber einen Embryo in vitro zu Forschungszwecken "verbraucht" (also tötet), der benutzt ihn nur noch als Mittel zum Zweck. Das aber ist gerade die Würde jedes menschlichen Lebens, dass es niemals nur Mittel zum Zweck sein darf. Genau an dieser Stelle zeigt es sich, dass der Lebensschutz des Artikels 2 des Grundgesetzes nur vollständig richtig verstanden werden kann, wenn man ihn im Lichte der Menschenwürde (und von Kants Diktum) liest; und es zeigt sich, dass der Schutz der Menschenwürde erst darin plastisch werden kann, dass er ein anderes Grundrecht verbindlich ausleuchtet.