"Das war alles ein bisschen zu viel für mich: Anstatt zu schlafen, eine Feuerleiter hinaufzuklettern, zu saufen, was das Zeug hält, mal eben ein bisschen zu vögeln und nebenbei erwachsen zu werden. Das reicht für eine Nacht. Da würde jeder kotzen, glaube ich." Benjamin Lebert (16) in "Crazy"

Wer hat auch behauptet, dass es einfach sein würde, erwachsen zu werden? Man sollte dem jungen Mann die Kultbücher seiner Eltern geben. Holden Caulfield hieß der Held des einen, das im Westen bekannt wurde. Östlich der Elbe hieß er Edgar Wibeau. Leicht hatten es beide nicht. Und ihre Erfinder wussten das. J. D. Salinger, der den Fänger im Roggen schrieb, war schon erwachsen, als er Holden Caulfield durch New York stolpern ließ. Und Ulrich Plenzdorf, Autor der Neuen Leiden des jungen W., zählte auch fast vierzig Lenze, als er Wibeau mit Goethe gegen die DDR rebellieren ließ. Ob Crazy das Zeug zum Kultbuch hat wie die beiden Eltern-Klassiker? Ungewiss – trotz Bestsellerplätzen und Medieninteresse. Ob Spätere den Namen Benjamin Lebert überhaupt noch kennen werden? Fraglich. Denn Buch wie Held müssen heutzutage mit Film-Ikonen, Computer-Heroes, Fernsehstars und Soap-Idolen konkurrieren. Damit geht es Lebert wie vielen Jugendlichen. Leichter geworden ist es jedenfalls mit dem Erwachsenwerden seit Caulfield & Co. nicht gerade. Und meist dauert es viel länger als in Crazy.

Mitunter braucht man dazu ein ganzes Leben. Denn wer will heute schon erwachsen sein – wo doch allerorten das Ideal des Jungseins oder zumindest der Jugendlichkeit propagiert wird? "Das Erwachsenen-Alter ist für viele keine erstrebenswerte Entwicklungsphase mehr. Es erscheint den wenigsten als Fortschritt", sagt der Kinder- und Jugendpsychologe Helmut Wetzel von der Universität Freiburg. Zugleich gebe es heute "weder über die Dauer noch über den Verlauf der Adoleszenz verbindliche Normen oder Regeln oder wenigstens verlässliche Anhaltspunkte".

Jeder wird zu einem anderen Zeitpunkt erwachsen. Das, was früher als eindeutiges Zeichen des Erwachsenseins galt – der Beruf, die Gründung einer eigenen Familie –, ist heute eben nicht mehr selbstverständlich. Auch die Vorstellungen von Beruf und Familie haben sich gründlich verändert.

Leo steht noch ganz am Anfang. Über das Erwachsenwerden hat er sich nicht allzu viele Gedanken gemacht. Wozu auch? Der 14-Jährige ist viel zu beschäftigt. "Vielleicht wird man so mit 18, 19 Jahren erwachsen", sagt er beiläufig. "Vielleicht auch später." Derzeit geht er noch aufs Gymnasium in Othmarschen, einem gediegenen Stadtteil im Hamburger Westen. Nebenher trägt er Zeitungen aus und macht Botendienste für eine Apotheke. Damit bezahlt er einen Tanzkurs – und das Zubehör für seinen Computer. Außerdem will er in der 11. oder 12. Klasse für ein Jahr nach Japan und bekommt dafür zweimal wöchentlich Einzelunterricht in Japanisch. Nach Japan zu wollen, ins weit entfernte Ausland, das war vor dreißig Jahren unvorstellbar. Heute ist ein Auslandsschuljahr für viele Jugendliche fast schon normal, jedenfalls, wenn sie aus der Mittelschicht kommen.

Machtkampf um den Computer

Ja, und der Computer! Am liebsten spielt Leo im Moment Crimson Skies, ein Flugsimulatorspiel. Der Spieler sitzt in seinem Flugzeug und versucht, die anderen zu attackieren. "Zielen und schneller schießen als der Gegner", beschreibt Leo das Spielziel. "Wenn das eigene Flugzeug abzustürzen droht, weil man getroffen wurde, springt man vorher ab – danach kann man neu starten." Aber er sitze gar nicht mehr so viel vor dem Bildschirm. "Früher, da hab ich viel mehr am Computer gespielt", sagt Leo. "Früher", das ist endlos lange her, so ein, zwei Jahre. Jetzt lädt er sich manchmal Freunde zu einer LAN-Party ein. LAN heißt Local Area Network, und die "Partys" sind eigentlich überlange Computerspiele, die schon mal eine ganze Nacht dauern können. "Fast alle Jungen aus meiner Klasse machen das", sagt Leo. "Manchmal sind noch Plätze frei, und einer bringt jemand Neues mit, so lernt man sich kennen." Das Spiel wird auch im Internet gespielt, manchmal gegen Leute, die man vorher gar nicht kannte. "So hab ich schon einen Amerikaner kennen gelernt. Und letztens hab ich gegen jemanden aus Ungarn gespielt."

Das Zusatzgerät, um mehrere Rechner miteinander zu vernetzen, haben die Jungs gemeinsam gekauft. Und das Geld dafür, immerhin 80 Euro? "Gespart und dann zusammengelegt." Mädchen hat Leo bei den LAN-Partys nicht getroffen. "Wahrscheinlich haben die gar nicht die Computer", mutmaßt er.

Doch, die haben sie. Mädchen gehen nur anders damit um. Süchtig nach Computer- oder gar Gewaltspielen sind sie weniger. Sie seien in bestimmter Weise "naturgeschützt", sagt der zweifache Vater und Kriminologe Christian Pfeiffer. Gewaltspiele als Freizeitspaß, als Entspannungsübung nach einem frustrierenden Schultag – davon lassen sich Mädchen kaum einfangen. Nur 14 Prozent von ihnen spielen, so Pfeiffer, regelmäßig verbotene PC-Spiele, von den Jungen über 60 Prozent – und die Mädchen nur dann, wenn sie ältere Brüder haben. "Mädchen, die Schwestern haben oder allein aufwachsen, machen das überhaupt nicht."

Doch warum üben Computer, Internet, Fernsehen und Handy eine so große Faszination aus? Vielleicht liegt es ja daran, dass die neuen Medien für viele Jugendliche oft verfügbarer als Menschen sind. Experten wie der Hamburger Familienberater Jan-Uwe Rogge machen einen "hohen emotionalen Anteil in der Zuwendung zu den Medien" aus. Medien verdrängen Isolation und Langeweile, kompensieren Stress und Einsamkeit, stiften Gesprächsanlässe. Der Inhalt der Medien, sagt Rogge, sei den Jugendlichen oft egal. Wichtiger seien oft die Umstände, unter denen sie fernsehen oder am Computer spielen. Es geht vor allem ums Miteinander, darum, jemanden kennen zu lernen (und sei es irgendwo auf der Welt) und mitreden zu können.

Für Eltern wird der "Einbruch" der neuen Medien in den Familienalltag oft zum Problem, vor allem, wenn sie sich eher ablehnend verhalten, weil sie unsicher im Umgang mit der Technik sind. In manchen Familien entbrennen um den Computer regelrechte Machtkämpfe: Machtkämpfe, die meist die Heranwachsenden gewinnen und so für Ohnmachtsgefühle bei den Eltern sorgen. Wenn Eltern sich gar nicht darum kümmern, was die Heranwachsenden am Computer treiben, weil sie ohnehin wenig Zeit mit ihnen verbringen, dann kann das Computerspielen bei Kindern leicht zur Sucht werden. Besser sei es, wenn Eltern eine kritisch-abwägende Haltung zu den neuen Medien einnehmen, empfiehlt Rogge. Der Umgang mit dem Rechner sei umso anspruchsvoller, "je stärker die Computernutzung in ein kommunikatives Umfeld (Familie, Geschwister oder Gleichaltrige) eingebunden ist", schreibt der Familienberater in seinem Buch Pubertät – Loslassen und Haltgeben.

MP3-Player, Handy oder Discman sind für die Jugendlichen nicht einfach nur technische Geräte zur Erleichterung des Lebens, sondern symbolträchtige Accessoires, die – wie Kleidung, Frisur, Musik oder Sprache – eine Chance bieten, sich von Erwachsenen abzugrenzen. Zugleich haben Jugendliche heute schier endlose Möglichkeiten, sich zu informieren, zu kommunizieren und pausenlos aktiv zu sein: Moderatoren, Sportreporter und Schauspieler bestärken sie darin, ja nicht innezuhalten, wenn sie beispielsweise in der aktuellen Telekom-Werbung versichern: "Ich lebe (T-)online."